Samstag, 6. November 2010

10. August - 06. November

In der Nacht zum Montag habe ich Tränen geweint und mein Herz zerriss.
Wie absurd kann ein Abschied sein?
Wir sprechen immer gerne von ungewisser Zukunft, um die Tragik noch ein wenig zu erhöhen.

Bis jetzt gab es aber wirklich keinen tragischeren und zugleich urkomischeren Moment, ergo Abschied, in meinem Leben.

Ungewöhnlich gefasst bin ich ihm entgegen getreten.
Wie die ganzen Menschen da vor dem Welthaus in Estelí standen. Retrospektive: So war es auch vor einem Jahr am Düsseldorfer Flughafen.

Ich würde behaupten, dass der Abschied von Nicaragua tragischer und tränenreicher war, denn in Deutschland wussten alle, wir würden auch in einem Jahr wiederkommen.
Für die in Nicaragua zurückgebliebenen Gastfamilien, PartnerInnen und FreundInnen ist ein Wiedersehen erst einmal in ungewisse Zukunft verschoben.
Früh morgens, ich habe die Nacht nicht geschlafen, ich war zwar in meinem Haus, (oder besser meinem Haus auf Zeit?), aber auch irgendwie nicht ganz da.
Die letzten Sachen wurden immer noch in meinen Koffer gestopft, meine Gastschwester und auch meine sonst sehr gefasste Gastmutter brachen ständig in Tränen aus.

An dem Abend war ich doch noch einmal schnell bei meiner Tanzgruppe, noch schnell bei meinen „Schwiegereltern“, mal eben noch zu meinen spanischen Freundinnen, auf der Arbeit.
Kann jemand bitte die Welt anhalten?

Nein...

Jetzt bin ich also in Berlin.
Ich sitze in meinem Zimmer, umrahmt von einer Nicaragua- Flagge, meiner Fahne der nicaraguanischen Frauen- Bewegung, Bildern und Karten.
In diesem Zimmer erinnert vieles, wenn nicht sogar das meiste, an mein Nicaragua- Jahr.
Draußen regnet es viel, auch das erinnert ein wenig an Nicaragua.
Leider verlieren die Bäume ihre Blätter und es wird zusehends kahl.
Aus meinem Internetradio tönt Radio Nica (ein Radiosender aus meinem Estelí), frisch entdeckt, vor ungefähr 10 Minuten.
Jetzt fehlt nur noch der Flug, den ich mit einigen Freundinnen schleunigst für nächstes Jahr buchen will. Dann lassen sich Referate und Hausarbeiten besser ertragen.

Jetzt bin ich aber erst einmal abgelenkt.
Studieren. Und sowas.

Vater und Mutter haben mich hier in meiner neuen Wahlheimat Berlin besucht.
Dank sozialer Netzwerke bin ich mit Nicaragua, Recklinghausen und dem Rest der Welt verbunden.

Das letzte Wochenende war ich mit einer anderen Freiwilligen tanzen. Im Club meines Vertrauens: Das Havanna in Berlin Schöneberg. Lateinamerika pur. Salsa. Bachata. Merengue. Usw.
Als dann Yo no sé mañana von Luis Enrique, dem neuen, international bekannten nicaraguanischem Künster (der Salsa- King, wie er so gerne bezeichnet wird) hörte, hätte ich am liebsten geweint.

Politik und Spanisch ist es geworden. An der Freien Universität Berlin. Und es macht erstaunlich viel Spaß.
In der dritten Sitzung meines „Das Konzept der Zivilgesellschaft“- Seminars erkannte mein Dozent eines bereits sehr richtig: „In der letzten Sitzung haben wir ja bereits sehr schön diskutiert und ich hoffe, dass unsere Lateinamerika- Expertin sich auch zukünftig viel beteiligt. Das war ja schon sehr interessant.“
Da hat er mich bereits richtig eingeschätzt, und ich kann auch, entgegengesetzt meiner Erwartungen, meine eigenen Schwerpunkte setzen.
In meinem „Internationale Beziehungen“- Seminar werde ich über Menschenrechte und Nichtregierungsorganisationen referieren.
In Spanisch- Sprachpraxis meinte mein Dozent in der ersten Stunde zu mir: „Ach, du bist Laura, die mit den Frauen in Nicaragua gearbeitet hat.“ Ja- die bin ich.

Und ich bin so unfassbar froh und dankbar, dass ich diese Chance hatte.