Wenn zwei Menschen unterschiedlicher Herkunft aufeinandertreffen und es zu vermeidbaren Problemen oder Missverständnissen kommt, dann liegt das zumeist an fehlender Kompetenz in diesem Metier. „Datt sind halt die kulturellen Unterschiede. Das ist halt die Kultur, sach ich ma.“
Fehlendes Einfühlungsvermögen. Die Fähigkeit, den Blickwinkel zu wechseln, fehlt. Fehlender Feinsinn oder fehlendes Gespür, das Andere im Anderen so anzunehmen und zu verstehen.
Alle sind gleich.
In einem Punkt. Wir sind alle Menschen. Ansonsten totaler Quatsch.
Das Besondere ist, dass wir eben nicht gleich sind, sondern einzigartig, vollkommen verschieden, vom Fingerabdruck bis hin zum Charakter.
Neu ist, dass wir das jetzt akzeptieren. Wir sind nicht gleich. Wir sind anders.
Gestern haben wir deutschen Freiwilligen ein erneutes Seminar zu diesem Thema erhalten.
Das erste in der Vorbereitungszeit in Deutschland war leider zu deutlich pädagogisch angehaucht. Mit Rollenspielen, viel buntem Papier und was-wäre-wenn- Geschichten.
Jetzt, mit 10 Monaten Erfahrung in interkultureller Kommunikation bin ich quasi Fachfrau.
Dachte ich.
Unsere gestrigen Themen haben mich dann eines anderen belehrt:
Zukunftsorientierung vs. Gegenwartsorientierung
Individualismus vs. Kollektivismus
Dissens- Kultur vs. Konsens- Kultur
Kultur mit hohem/ niedrigen Kontext
Egalitäre Strukturen vs. hierarchische Strukturen
Kokosnuss vs. Pfirsich
Kultureller Dialog vs. kulturelle Polarisation
Das hilft. Nicht nur um die nicaraguanische Arbeitswelt zu definieren, was ja doch sehr schwierig ist, wenn man noch nie wirklich im Arbeitsleben stand, geschweige denn in Nicaragua geboren wurde.
Und um sich selbst in das System einzuordnen, selbstkritisch zu sein und zu analysieren. Und das Beste am gestrigen Tag, dass wir eine deutsch- nicaraguanische Gruppe waren, um in den Dialog zu treten und unsere Meinungen auszutauschen, um Vorurteile abzubauen.
Hier geht’s im Folgenden auch um Stereotypen, denn ohne Stereotypen kann man nicht arbeiten.
Ich bin eine Kokusnuss, ich habe eine harte Schale für Außenstehende, bin eher distanziert, diskret. Habe ich aber einmal Vertrauen gefunden, rede ich auch über private Angelegenheiten mit meinen Freunden, es geht um Ehrlichkeit und Offenheit, und darum, dass ich mit Freunden über alles reden kann. Harte Schale, weicher Kern.
Die Nicaraguaner hingegen sind eher Pfirsiche, sie sind sehr herzlich und offen, aber das wirklich Private bleibt auch privat, auch für gute Freunde, weiche Schale, harter Kern.
Ich bin typisch nicaraguanisch, was Kritik betrifft. Ich kann schlecht kritisieren und kann mich auch schlecht kritisieren lassen. Auch wenn Kritik konstruktiv sein soll.
Hier ist häufig alles sehr rosig, alles schön und gut und toll und super. Man möchte den anderen ja nicht verletzen.
Da passe ich gut rein...
...lerne aber gerade in diesem Umfeld, zum ersten Mal, wirklich kritisch zu sein und das auch laut zu äußern, denn nur so kann sich etwas verändern.
Wir Deutschen sind eigentlich viel zu häufig viel zu direkt und überkritisch. Meine Lehrer habe ich immer direkt kritisiert und meine Meinung lautstark geäußert, aber Freunden und Familien so etwas zu sagen, das ist schwieriger für mich.
Nicaragua lebt den Kollektivismus, das stammt vielleicht auch noch aus der Revolution.
„Gemeinsam sind wir stark.“ Kollektiven. Zusammenarbeit. Teamarbeit, es wird von „wir“, statt von „ich“ geredet.
In Deutschland wirst du zu einem Einzelkämpfer, etwas positiver ausgedrückt, zu einem Individuum erzogen. Selbstständigkeit und Unabhängigkeit. Alles ist sehr wettkampf- orientiert. Ob in der Schule, oder in der Uni oder in der Arbeitswelt.
Ich war ein Individualist und werde zu einem Kollektivwesen, dank meiner nicaraguanischen Mitmenschen. In Deutschland brauchen wir häufig einen Grund, um zusammen zu sein, während ich hier einen Grund brauche, um alleine zu sein. In der Arbeit ist es so, Teamarbeit. Alle sind verantwortlich. Alle haben die gleichen Rechten und Pflichten. Es gibt keine Einzelkämpfer.
Das ist angenehm und schafft ein produktiveres Arbeitsumfeld.
Genauso in der nicaraguanischen Familie, teilen, beisammen sein und das genieße ich und werde es mit nach Deutschland nehmen. Natürlich bleibe ich unabhängig und selbstständig und freiheitsliebend, mit einem Hauch Kollektivismus, was Freunde und Familie betrifft.
Deutsch- Leistungskurs- Thema: Kommunikation
Sender und Empfänger. Direkte und indirekte Kommunikation.
Achtung Klischee: Frauen sagen selten, was sie denken. Oder wenn sie etwas sagen, dann meinen sie das Gegenteil. Darin erkenne ich mich komplett wieder.
„Bist du sauer?“ → „Nein, Quatsch. Vielleicht bin ich etwas enttäuscht.“ Oder anders ausgedrückt: „Du Ar***, natürlich bin ich stinkensauer.“
Das kann ich echt gut, nicht das sagen, was ich denke, damit der andere raten darf, was ich meine.
Da bin ich auch echt nicaraguanisch und das hat mich auf eine Idee gebracht.
Ich habe in meiner Arbeit angestoßen, dass wir ein Gesundheits- Forum doch am Besten nach der Durchführung evaluieren sollten. Das wurde dann auch prompt getan, mit den Worten meiner Chefin: „Und Laura hat vorgeschlagen, dass wir das Forum jetzt einmal evaluieren“
Klasse. Da haben sie also schön die Verantwortung auf mich abgewälzt, denn ICH durfte das jetzt alleine machen.
Und da war es dann ganz schön schwer, die überaus chaotische (Fehl-)Organisation vom Morgen kritisch zu bewerten. Ich hätte gedacht, dass wir alle sprechen. Stattdessen habe ich zu einem meiner beliebten Monologe angesetzt und das auch echt gut gemacht, a la Nica und eine Essenz Deutschland, denn kein anderer wollte mir beistehen, geschweige denn Kritik äußern.
„Also, das Thema war total interessant. Es waren sehr viele verschiedene Organisationen und auch staatliche Institutionen dabei. Die beiden Referenten, klasse, total informativ. Und das Essen köstlich. Und auch die Diskussion danach perfekt.“
Achtung! Das habe ich bisher nicht bedacht, das, was jetzt ausgespart wurde, die Organisation, war also grauenhaft. So könnten es die Nicaraguaner machen, alles Positive wird benannt und das was fehlt, war also nicht so gut.
Ich, mit der Prise Deutschland, möchte nun aber konstruktive Kritik äußern.
„Allerdings war die Organisation nicht ganz so gelungen. Wir hätten vielleicht, alle gemeinsam, etwas früher anfangen können, dann hätten wir heute morgen nicht so einen Stress gehabt.“
Sehr diplomatisch, mich miteinbezogen. 100 Punkte.
Wir sind auf einem guten Weg.
Da prallen dann also nicht nur, direkte und indirekte Kommunikations- Strategien, sondern auch Dissens- und Blümchen- Streitkultur aufeinander.
Ich lerne, mich besser in Hyroglyphen auszudrücken, damit mich bloß keiner richtig versteht und gleichzeitig werde ich zum Streit- Talent auf höchster Ebene.
Denn das ist jetzt das Problem. Ich stehe zwischen zwei Kulturen. Ich bin deutsch gepolt, auch wenn ich das nicht wahrhaben möchte und lebe gerade in Nicaragua, Völkerverständigung.
Während in Deutschland viele Arbeitnehmer und -Geber sehr gerne beim „Sie“ bleiben, um noch eine gewisse Distanz zu wahren und somit die Autorität nicht zu gefährden oder um Arbeit von Privatem zu trennen, werden hier die Arbeitskollegen/innen oft mit „Du“ angesprochen, meine Chefin sagt „vos“ zu mir, das ist noch persönlicher als „Du“, das ist die richtige Freundschaftsebene und sie umarmt mich zur Begrüßung.
Das ist schön, häufig ist das Verhältnis zu den Kollegen/innen freundlicher und herzlicher, aber dadurch fällt es einem noch schwieriger, konstruktive Kritik zu äußern, man könnte den anderen ja verletzten.
In Deutschland wird dieses „Distanz und Autorität wahren“ bis zum Gipfel getrieben. Bis zur 10. Klasse des Gymnasiums war es du, Laura. Danach abrupt „Sie, Frau Fischer“. Weil ich in die 11. Klasse gekommen bin, ob ich volljährig war oder nicht. Meine Lieblingslehrer konnten mir auf einmal nicht mehr sagen „du spinnst doch Laura. Halt mal deine Klappe.“ Sondern „Das fand´ ich jetzt nicht angebracht von Ihnen“. Das ist doch grauenhaft.
Einige Lehrer kamen sich selbst blöd dabei vor und haben dann wieder zu Laura gewechselt, andere haben es strikt durchgehalten. Und dann?
Abiturzeugnis frisch in der Hand: „Du kannst auch Bernd zu mir sagen, Laura.“
In Deutschland wird die Arbeitswelt immer egalitärer, Kritik ist gut, der Chef setzt auf Zusammenarbeit und gegenseitige Hilfe, nicht auf Befehle. Es geht um die Kompetenz und Erfahrung des Chefs und nicht um das Alter und die soziale Stellung. Der Chef möchte als Teammitglied angesehen werden und hebt sich nicht ständig hervor, um seine Machtposition zu beweisen. Das ist zumindest das Ideal. Hierarchie vs. Egalität. Das ist auch hier so. Zumindest in den NGO´s wird auf Gleichheit gesetzt.
Was habe ich also gelernt?
Wir sind verschieden. Ich bin nicht typisch deutsch, aber auch nicht 100% Nicaraguanerin.
Ich bin ein Misch- Masch, individuell.
Ich muss diese der verschiedenen Systeme, diese Besonderheiten kennen, um mich in dem Umfeld gut bewegen und eingliedern zu können. Das habe ich in vielen Fällen automatisch getan, emotional intelligent gehandelt. Aber um den anderen zu verstehen, bedarf es manchmal mehr, als nur Offenheit und Freundlichkeit.
Zwischen den Zeilen leben ist eine Kunst, hilft aber, den anderen zu verstehen.
Manchmal muss ich von meinen negativen Begrifflichkeiten weg, wir müssen unsere Vorurteile ablegen, wenn wir in einen Dialog treten wollen.
Liberal ist nicht gleichzusetzen mit zügellos, was einige Nicaraguaner von mir als Frau denken. Ich liebe meine Freiheit, aber ich bin deswegen nicht gegen jegliche Wertvorstellungen.
Im Vergleich zu Nicaragua, sind wir Deutschen kalt, die Nicaraguaner herzlich. Nein. Wir sind vielleicht zurückhaltender, aber genauso herzlich und freundlich, wenn wir die erste Distanz überwunden haben. Der Gemeinschaftssinn ist etwas schönes. Mehr „wir“ als „ich“, mehr Beisammensein, um beisammen zu sein, auch wenn wir nicht mehr machen als beisammen zu sein, als alleine zu sein, weil ich meine Ruhe haben will.