Montag, 22. März 2010

Weltfrauentag

Und mit ein bisschen Glück findet ihr mich auf den letzten beiden Fotos.


Fundación entre Mujeres- Solidaridad entre Mujeres. Leben Teil II.

Fundación entre Mujeres- so heißt mein neuer Arbeitsplatz bis August.
Am 1. März hatte ich meinen ersten Arbeitstag und ich fühle mich bereits nach den wenigen Tagen dort wohler, als ich mich je in INPRHU gefühlt habe.
Wie der Name bereits erahnen lässt , ist es eine Organisation von Frauen, für Frauen. Übersetzt: Fundation zwischen Frauen (FEM).
Diese Organisation, meine Organisation, hat bis jetzt noch nicht am weltwärts- Programm teilgenommen und bis jetzt gab es auch noch keine deutschen Freiwilligen in dieser Organisation. Der christliche Entwicklungsdienst Eirene unterstützt aber z.B. Projekte der FEM und andere kleinere deutsche Organisationen. Bis vor kurzem wurde auch organischer Fair- Trade Kaffee der FEM in Deutschland verkauft, aufgrund der schlechten Ernte durch die starke Dürre rentiert sich dies derzeit leider nicht.

Ich bin also die erste und werde wahrscheinlich auch die letzte Deutsche bleiben, nicht, weil ich nicht gut zurecht komme. Sondern weil sonst nur spanische Freiwillige für drei oder sechs Monate dort arbeiten, da einer der größten Unterstützer eine spanische Nichtregierungsorganisation ist. Diese Frauen kommen nur über sehr ein hartes Auswahlverfahren zur FEM, es gibt mehrere Ausscheidungsrunden, mehrtägige Auswahlseminare etc. Drei dieser Glücklichen sind meine Freundinnen geworden. Durch deren Erzählungen wollte ich überhaupt erst zur FEM obwohl mir eigentlich genug andere Organisationen, die vom BMZ bereits als Freiwilligenplätze zugelassen wurden, zur Verfügung standen.
Wir Frauen sprechen ja immer gerne von Intuition. Und bei mir kommt dann zusätzlich noch der sehr ausgeprägte Dickkopf hinzu. Sodass ich mit Hilfe von Papa Terry (so nennen wir Freiwilligen unseren Koordinator liebevoll) nun in der FEM bin. Und es war die beste Entscheidung, die ich hier in Nicaragua getroffen habe. Mit Abstand.

Was ist die FEM?
Ich gehöre zum Equipo Técnico der FEM, dem Arbeitsteam, bestehend aus einer Rechtsanwältin, einer Soziologin, Psychologin, Lehrerin etc.
Wir arbeiten in 17 abgelegenen und unterentwickelten Gemeinden (Dorf, häufig nur eine Grundschule, Dorfplatz, kleine Tante-Emma Läden, ungepflasterte Straßen, Strom und Wasser nur teilweise etc, in den Bergen). Die Anreise im 4-Rad- Antrieb dauert bis zu 2 ½ Stunden.
Dort arbeiten wir mit den Frauen, die in der FEM organisiert sind. Die meisten Frauen sind alleinstehend. Jugendliche Mütter prägen das Bild ( ab 15+), weiterführende Schulen liegen weit entfernt, geschweige den die Universitäten. Es gibt nicht viel Arbeit, noch weniger für Frauen. Viele junge Frauen suchen ihr Glück in Costa Rica, lassen ihre Kinder bei ihren Müttern, die dann verzweifelt auf Geldüberweisungen warten. Eine hohe Anzahl dieser Frauen haben in ihrem Leben bereits unter Gewalt gelitten. Gewalt von Männern. Demütigungen. Vergewaltigungen. Schläge. Psychische und physische Gewalt.

Unsere Arbeitsbereiche sind, die ideologische , die ökonomische, die politische und die organisatorische Stärkung der Frauen.
In den Gemeinden arbeiten Lehrerinnen, die den Frauen ermöglichen, ihren Schulabschluss nachzuholen oder sich vom Analphabetismus zu befreien.
Diese Gemeinden zeichnen sich des Weiteren dadurch aus, dass die Frauen in Kooperativen arbeiten. Dazu gehört auch die Organisation in Gewerkschaften. Kaffee, Hibiskus, Honig wird auf organischem Wege produziert und vermarktet, was zur ökonomischen Unabhängigkeit dieser Frauen beiträgt. Außerdem wird zum Eigenkonsum produziert, Mais oder Hühner etc. Dabei werden die Frauen finanziell und technisch unterstützt.
Politische und organisatorische Stärkung wird durch die gesamte Arbeit gefördert. Die Frauen lernen sich zu organisieren, gemeinsam ihre Rechte durchzusetzen oder gegenüber ihrer Ehemänner und der Gesellschaft einzufordern.
Es werden Seminare und Workshops gehalten, über Selbstbewusstsein, Lebensplanung, Menschenrechte, Sensibilisierungskampagnen zum Weltfrauentag, Tag gegen Gewalt, Tag der Gesundheit etc. Die feministische und emanzipatorische Einstellung der Frauen wird hierdurch ebenso gestärkt.

Im folgenden Monat beginnt ein neues Projekt zur Gesundheit. Mit meinem Team werde ich über sexuelle und reproduktive Rechte und sexuelle Gesundheit mit den Frauen arbeiten. Heute haben meine Compañeras mir eröffnet, dass wir während dieser Workshops wahrscheinlich auch in den Gemeinden übernachten werden, um mehr Zeit mit den Frauen verbringen zu können. Das ist natürlich eine Herausforderung, denn das Leben auf dem Land ist wesentlich einfacher und die Frauen sind deutlich ärmer, als meine gehobene Mittelstands- Familie. Aber so lerne ich noch mehr von Nicaragua und dem Leben der Frauen kennen.

Mein eigentlicher Arbeitsbereich ist allerdings die Defensoria contra la Violencia. Wir betreuen Frauen, die Opfer von Gewalt geworden sind, sie können psychologische Beratungen in Anspruch nehmen, wir begleiten sie bei ihren Gerichtsverfahren gegen die Täter, die in vielen Fällen ihre eigenen Ehemänner sind. Auch hier geben wir Seminare und Workshops.

Die Direktive der FEM formen derzeit 13 Frauen, die in ihrer Gemeinde dem Entwicklungskomitee vorstehen, sie fällen die Entscheidungen der FEM auf höchster Ebene mit der exekutiven Direktorin Diana und repräsentieren alle Frauen ihrer Gemeinden.

Die Organisation existiert seit 1995 und wird in diesem Jahr, mit mir ihr 15-jähriges Bestehen feiern.

Ich habe bereits jetzt ein besseres Verhältnis mit meinen Compañeras, als ich es in den sechs Monaten bei INPHRU je gehabt habe. Und das, was mir meine Freundinnen erzählt haben, hat sich bis jetzt vollends erfüllt: Die Frauen sind nicht einfach Arbeitskolleginnen, sondern eher wie eine große Familie, jede gibt auf die anderen Acht, die Freizeit wird teilweise gestaltet, sie vertrauen einander, Sorgen und Nöte werden geteilt, ebenso die erfreulichen Momente, es herrscht eine ungebrochene Solidarität zwischen den Frauen.
Und auch die Zielgruppe, die Frauen aus den Gemeinden, sind überaus freundlich und offen und haben mich mit einer Herzlichkeit in ihren Kreis aufgenommen, ungeachtet meiner Nationalität, meiner Tattoowierungen (was hier bei Frauen sehr selten ist, in ländlichen Gebieten kommt es eigentlich gar nicht vor, „es sei denn die Personen sind kriminell, dann tragen sie Tattoos“ ;) ), meines anderen ökonomischen Status, meiner Kleidung etc. Sie respektieren dich für das, was du tust und verkörperst.
Ich habe nun schon in dieser kurzen Zeit viel dazu gelernt, mich weiterentwickelt und liebe meine Arbeit und meine Compañeras. Ich kann mich mit meiner Arbeit und der Organisation vollständig identifizieren und teile die gemeinsamen Werte.
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Dadurch habe ich neuen Enthusiasmus und neue Motivation und gebe mein Bestes, um den Anforderungen gerecht zu werden und meine Arbeit zu erledigen. Ich mache zwar fast jeden Tag Überstunden, aber es ist ein schönes Gefühl, müde und geschafft nach Hause zu kommen, weil wir einen arbeitsreichen Tag hinter uns hatten, als müde und gelangweilt vom Nichtstun zu sein.

Und wo wir schon beim Thema sind: am 8. März war der Weltfrauentag. Wir sind mit 300 Frauen aus den ländlichen Gemeinden nach Managua gefahren. Stress pur. Sonne und grausame Hitze. Ein kurzer Marsch. Ein Festival mit Musik und Poesie. Die Frauen sind so herzlich und offen.
Ich werde von allen in den Arm genommen und geküsst und in ihren Kreis aufgenommen, auch wenn sie mich an diesem Tag erst kennen gelernt hatten.
In der Woche darauf hatten wir einen Theater- Workshop, um auf künstlerische Weise unsere Gefühle ausdrücken zu können. Beim sogenannten spontanen Theater konnten die Frauen ihre persönlichen Erfahrungen in kleine Szenen verwandeln und so ihre Ängste und Sorgen mitteilen.
Eine der Frauen erzählte von einem prägenden Erlebnis aus ihrer Jugend, als sich ihr Bruder ihr gegenüber gewalttätig verhalten hat. Sie musste weinen und hat gelitten, als sie uns dieses Erlebnis anvertraute. Danach haben wir, die „Schauspieler“ diese Szene vorgestellt und aus einer niederschlagenden Situation ihren persönlichen Sieg über diese Gewalt gemacht, indem wir sie, Reyna, zeigen, wie sie jetzt ist, wie sie ihrem Bruder vergibt und sich befreit hat.

Und was kann es Schöneres geben, als diese Frau, Reyna, heute zu sehen, sie baut Kaffee an, ist nun die führende Frau in ihrer Gemeinde, arbeitet in der Direktive der FEM und hilft anderen Frauen, sich ebenfalls zu befreien und unabhängig zu leben.

Und ich gehöre nun dazu. Mein Leben hat sich dadurch gravierend verändert und wir sich auch weiter verändern, ich habe eine wichtige Aufgabe, für die ich jeden Tag aufstehe und arbeite und lerne. Und wir verändern doch die Welt, gemeinsam, in kleinen Schritten.


Unsere Homepage:
http://fundacionentremujeres.org/

Ein Bericht über die Gründerin und derzeitige Direktorin der FEM (siehe Diana Martínez):
http://www.lateinamerikanachrichten.de/index.php?/artikel/3698.html