Was ist das eigentlich- soziale Ungerechtigkeit? Mittelschicht und Unterschicht? Entwicklungsland?
Diese Begriffe sind festgeschrieben. Definitionen, festgelegt von Sozialwissenschaftlern. Ermittelt werden sie anhand von Durchschnittswerten, durchschnittl. Einkommen, der Verfügbarkeit und Verteilung von Gütern, Arbeit haben und arbeitslos sein, der Entwicklungsstandard im Land, Ökonomie, aber auch das öffentliche System von Gesundheit und Bildung etc.
Manchmal fühle ich mich, als wäre ich nicht im Entwicklungsland Nicaragua. Ganz im Gegenteil. Ich denke nicht an Armut und Ungerechtigkeit, an fehlenden Fortschritt und fehlende Hoffnung.
Nicht, weil ich meine Augen vor der Realität verschließe, sondern weil ich zwischen den Welten hüpfe, zwischen Arm und Reich, Gut und Böse, Europa und Zentralamerika.
Das ermöglicht mir mein Privileg als deutsche Freiwillige in einem Entwicklungsland wie Nicaragua. Harte Worte. Aber so ist es doch. Das mögen vor allem die anderen Freiwilligen nachvollziehen.
Morgens gehe ich zur Arbeit und fahre in die Gemeinden und Dörfer und arbeite mit Frauen, deren Durchschnittseinkommen bei unter 50 US $ liegt und die durchschnittlich 6 Kinder haben und deren Mann durchschnittlich mindestens eine andere Frau als Geliebte hat (wir sprechen da von 90 % der Fälle).
Abends komme ich in mein Haus einer gehobenen Mittelklasse- Familie. Einer, der drei Fernseher läuft mindestens, mein Essen wird in der Mikrowelle bereitgehalten und irgendjemand surft gerade im Internet, wireless versteht sich.
An Wochenenden gehe ich dann tanzen: in die Cigars Zone. „Die beste Diskothek Lateinamerikas.“ Luxuriös. Chic. Teuer. Elegant. Edel. So auch die meisten Besucher, mit der Zigarre zwischen den Zähnen, einen Cocktail schlürfend, Hemdchen und Kleidchen an. Donnerstags ist der Eintritt frei für die Damen. Ansonsten kostet der Eintritt 4 €. In Deutschland kostet eine solche Diskothek 15 € Eintritt. Cocktails 2,50 €, Deutschland 6 – 8 €.
Vergangenen Samstag waren wir in der Stadt, einkaufen, meine Freundin stellt sarkastisch und zugleich betrübt fest: „Ich brauchte neue Kleidung und habe gerade den halben Monatslohn meiner Haushälterin ausgegeben.“ Dabei haben wir nur gebrauchte Kleidungsstücke gekauft, für 4-5 €. Ware, die aus den USA kommt. Gebrauchte Markenkleidung.
Was ist das, verglichen mit H&M, eine Bluse für 29,95 €?! Nebenbei sei anzumerken, dass ich mir in Nicaragua H&M- Kleidung kaufe. Gute Stücke, fast unbenutzt, wie neu. Ein Kleid für 3 €, dass früher 35 € gekostet hat.
Einmal die Woche gehen wir essen, in einer Kneipe, beliebt auch bei Nicaraguanern, trinken einen großen Yoghurt- Shake mit Mandeln für 1 € und einen leckeren, riesigen Salat mit Oliven, Champignons(aus der Dose) und Gorgonzola- Käse für 3€.
Pervers.
Pervers?!
Pervers sind nicht die Preisunterschiede. Nicaragua hat ein anderes Lohnniveau, für uns „ist alles günstiger“. Das ist klar. Aber auch meine nicaraguanischen Freunde leben mein Leben, meine Familie lebt mein Leben. Mein Leben ist nicht dekadent, wenn das jetzt einige meinen. Aber ich lebe gut.
Pervers ist, dass ich morgens arbeite und die Armut sehe und spüre, wenn ich mit meinen Frauen spreche, über ihre Probleme rede und weiß, wie sie leben und dann abends das Büro verlasse und mein Leben lebe.
Dann gehe ich zuerst zum Tanzen, um nicht mehr nachzudenken, abzuschalten. Aber auch das ist schon ein Luxus. 60 Cordoba die Woche, 2,50 € für eine Woche Tanzen.
Um nicht über meine Freundinnen aus Los Llanos- eine kleine Gemeinde aus den Bergen, ohne Disko, ohne Telefonnetz, ohne Internet, wo fast täglich der Strom ausfällt- nachzudenken, die mit ihren 20 Jahren bereits 2 Kinder haben, ihren Mann verlassen haben, weil er sie betrügt und jetzt versuchen, weiter zu studieren.
Das Problem auch hier ist, die krasse Schere zwischen Arm und Reich. Dafür brauche ich nicht auf die Straße gehen, es reicht als anschauliches Beispiel mein Haus.
Ich habe meine Haushälterin. Sie versorgt 3 Familienmitglieder. Mich, meine Gastmutter und meine Gastschwester.
Sie arbeitet mehr als 8 Stunden täglich. Sie steht vor 6 Uhr auf, wischt das Haus, dass offen ist, demnach viel Staub und Dreck. Sie bewässert den Garten. Sie bereitet das Frühstück vor, jeder mit seinen Extrawünschen. Sie fängt an, Wäsche zu waschen, mit der Hand. Sie räumt die Zimmer auf. Sie putzt wieder, weil indes der Hund alles dreckig gemacht hat, diesen Hund versorgt sie übrigens auch. Sie bereitet das Mittagessen vor. Sie bügelt. Sie bedient uns. „Rosita hier, Rosita dort“. Sie bereitet das Abendessen vor. Sie muss mit Einkaufen gehen. Dann mal schnell den Kühlschrank putzen. Dann schaut sie ihre Telenovela am Abend und geht schlafen. Um 9 Uhr.
Sie ist immer als letzte.
Das macht sie sechs Tage die Woche. Einen Tag hat sie frei. Sonntags geht sie in die Kirche. Ansonsten verbringt sie sechs Tage lang, 24 Stunden, ihr Leben im Haus. Sie schläft bei uns.
Wenn sie nicht gerade mal auf die Straße geht, um den Müll rauszubringen oder Brot an der nächsten Ecke zu kaufen.
Sie verdient 100 $ im Monat.
Sie hat 7 Kinder zu ernähren. Die wohnen alle in einer kleinen Gemeinde, eine Stunde von Estelí entfernt, eine arme Gemeinde. Ein Kind studiert samstags in Estelí. Einer ihrer Söhne war bereits im Gefängnis, angeblich unschuldig, er ist 20. Der andere Sohn ist geistig etwas zurückgeblieben und hat eine Klasse bereits 3 Mal wiederholt. Die älteste Tochter ist bereits Mutter, 19 Jahre alt.
Ihre Kinder sieht sie alle 2 Wochen für gut 2 Tage. Die Kinder leben alleine, in einem Haus, dass ihr eine internationale Organisation gebaut hat, von dem Geld, was sie ihnen zuschickt.
Rosita ist 37 Jahre alt. Sie hat die Grundschule abgeschlossen. Sie ist frech und selbstbewusst und lebt ein typisches nicaraguanisches Leben. Sie hat bereits im bekannten Ferienort San Juan del Sur gearbeitet, als Köchin in einem Hotel, auch schon in Costa Rica als Hausangestellte oder Managua.
Sie hat jetzt gekündigt, weil sie nach Managua möchte, dort verdiene sie mehr Geld. 200 $ vielleicht. Dort stelle man ihr hygienische Produkte ebenfalls zur Verfügung, hier muss sie sich ihre Seife und Zahnpasta selbst kaufen und sie könne abends um 18 Uhr, manchmal um 17 Uhr Schluss machen und hätte Freizeit.
Das macht sie aber auch nur vorübergehend, damit sie nach Costa Rica gehen kann und dort besser verdient.
Meine Rolle ist dabei, dass Rosita für mich kein Frühstück zubereitet, dass ich sie nicht ständig für jede Kleinigkeit rufe, dass sie mir nicht mein Trinken eingießt und mir mein Essen serviert, dass sie mein Zimmer nicht saubermacht, dass sie meine Wäsche wäscht, ich ihr aber extra dafür Geld gebe und dass sie alle meine Geheimnisse kennt und ich die ihren.
Ich kenne ihre Romanzen, sie kennt meine. Sie weiß, dass wenn ich morgens um 6 Uhr das Haus betrete, dass ich bei meinem Freund geschlafen habe. Sie bereitet mir gerne etwas besonderes leckeres zu, weil ich ihr zwischendurch etwas leckeres aus der Bäckerei mitbringe.
Sie schätzt, dass ich sie nicht rumkommandiere und wünscht mir, dass ich ein schönes Leben führe, studiere, eine Familie gründe.
Wir diskutieren über politische Themen, sie fragt mich, wie das mit den Männern denn in Deutschland so ist, sie möchte mehr über mein Leben wissen und freut sich, wenn ich ihr von meiner Familie erzähle und ist glücklich, wenn ich ihr zuhöre. Sie ist abergläubisch, ich bin Atheistin.
Bereits jetzt mit meinen 20 Jahren mache ich all das, was sie niemals machen wird. Ich habe mein Abitur, gehe bald studieren und habe noch keine Kinder. Ich reise und bin nun in Nicaragua, um einen Freiwilligendienst zu machen.
Ich werde aber auch zurückkehren, in meine Heimat, ganz bald, zu meiner Familie, der ich so viel zu verdanken habe.
Sie verlässt ihre Heimat, um ihren Kindern ein etwas besseres Leben zu ermöglichen. Ganz ohne Hilfe.
Ein schlechtes Gewissen habe ich nicht, denn ich verhalte mich moralisch korrekt. Ich verschließe die Augen nicht vor der Realität und helfe dort, wo ich kann.
Was mich beeindruckt, ist die Kraft und der Willen von Rosita: „ Ich bettle nicht um Hilfe und auch nicht um Geld, ich arbeite lieber hart. Wenn man mir etwas schenkt, nehme ich das an. Ich gebe nicht auf!“
Was mir übrig bleibt, ist, Rosita zu animieren. Rosita kocht göttlich, Rosita hat Talent, wenn auch sie lieber wäscht und putzt als kocht. Wie es denn mit einem kleinen Imbiss wäre? Im Projekt Miriam können Frauen gratis ihre Schulbildung nachholen. Das wäre notwendig und würde ihr neue Möglichkeiten eröffnen.
Das wäre ein Schritt in eine bessere Zukunft.
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