Donnerstag, 8. Juli 2010

Sprache öffnet Herzen und Türen

Schulspanisch, das ist so eine Mischung aus Castellano und Deutsch.
Im Schulunterricht geht es vor allem um Grammatik und Wortschatz. Analysieren von literarischen und Sachtexten.Untersuchung auf Stilmittel, Intention des Autors. Danach selbstständig Stellung beziehen. Das waren typische Aufgaben aus den Klausuren.
Themen: Lateinamerika, Geschichte und heute. Migration Afrika → Spanien, Mexiko → USA. Jugendkultur Spaniens etc.
Es war immer mein Lieblingsfach.
Ich habe mich auch selbst als gut eingeschätzt, hatte schließlich auch in Costa Rica praktische Spanisch- Erfahung gesammelt, Leistungskurs, Abitur etc.

Ja. In Nicaragua angekommen, wurde man dann auf die Realität hingewiesen.
Castellano ist nicht das, was in Nicaragua, oder in Lateinamerika generell, gesprochen wird.
Hier, in diesem Land, spricht man Nicañol.
Bereits in der Schule hat meine Lehrerin häufiger kritisiert, dass ich mich an das costarricanische Spanisch angepasst habe.
Jetzt würde sie mich höchstwahrscheinlich nicht mehr verstehen, meine Klausuren wären eine Notenstufe schlechter, wegen der nicaraguanischen Wörter.
Während es für meine meine Lehrerin ein Hohn ist, freue ich mich darüber, wenn man mir sagt: „¡Sos Nica!“ → Du bist Nicaraguanerin.

Eine Sprache lernen und sprechen können, ist eben nicht nur Grammatik beherrschen, Verben konjugieren können, Vokabeln kennen und Texte lesen und verstehen.
Man muss auch die landesspezifischen Gestiken und Mimik kennen, Redewendungen, den Unterschied zwischen Jugendsprache und formaler Ausdrucksweise, dann verständigt man sich richtig und ohne Missverständnisse.
Ich spreche mit nicaraguanischem Akzent, genauer gesagt mit dem Akzent aus dem Norden, den Bergen. Wenn man über Personen spricht, deutet man nicht deutsch mit dem Finger auf die Person, sondern deutet mit dem Kopf, Mund und kräuselt die Lippen.
Spricht man über die Größe einer Person, wird nicht die flache Hand als Maß genutzt, sondern die gekrümmten Finger. Die flache Hand ist hier nur für Tiere zu gebrauchen, Achtung!
Hier gibt es kein „tu“, hier ist alles „vos“. Auch die Konjugation ist deswegen vollkommen anders.

Und dann öffnet die Sprache Herzen.
Ich war im März in San Juan del Sur und habe mir in der Apotheke eine Creme für meine Tattoowierung gekauft. Ich bin mit der Apothekerin ins Gespräch gekommen, weil sie mich fragte, was das deutsche Wort auf meinem Rücken heißt, wo ich herkomme und was ich hier in Nicaragua mache. Wir haben ungefähr eine halbe Stunde „gequatscht“. Die ersten Gespräche laufen eigentlich immer auf einige spezielle Fragen hinauf:
„Und gefällt dir Nicaragua?“ Wenn ja, „warum?“
Dann kam ich 5 Monate später wieder, ich stand noch vor der Apotheke und sie sagt: „ Ach das Mädchen aus Estelí.“ Und sie konnte sich auch noch an das Tattoo erinnern.
Dann ist man nicht mehr eine von vielen Ausländern/innen, dann wird man zu einer Person.

Ebenso in den Taxis. Wie häufig habe ich mich erklären müssen. Estelí hat mehr als 200 Taxifahrer.
Ich bin mindestens 400 mal Taxi gefahren. Das heißt, ich habe meinen Stammtaxi-Fahrer, Reynaldo, aber ich fahre auch mit fremden, denen wiederum muss ich dann meine Geschichte erklären. Was ich hier mache. Wie lange. Wie es mir gefällt. Wie mir Nicaragua gefällt. Wie Deutschland ist, etc.
Das kann auch nerven, hilft aber auf der anderen Seite, Menschen kennen zu lernen und das Land.
Gut, ich will nicht die Herzen der Taxifahrer öffnen, aber wenn einer dann mein Freund wird, oder wenn ich mit Menschen auf der Straße ins Gespräch komme, dann habe ich doch mein Ziel erreicht.

Und wenn es also so weit ist, dass man im Bus gefragt wird, „du kommst aber nicht aus Estelí, oder?“; anstatt, wie am Anfang „Aus welchem Land kommst du?“, dann ist die Assimilation geglückt.
Ich bin Nica. Ich bin Estelianerin.

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