Mittwoch, 3. Februar 2010

Worum sich das Leben so dreht.

Ich stecke im Moment in einer tieferen Krise. Nicht erst seit gestern, eigentlich schon seit mehreren Monaten. Mein Freiwilligendienst sollte eigentlich von meiner Arbeit definiert werden, um diese Arbeit sollte sich mein Leben drehen. Dafür bin ich hier. Arbeiten in einer Nichtregierungsorganisation. Lernen. Helfen. Neues kennen lernen. Mich weiterentwickeln. Einblicke in ein anderes Leben, ein anderes Land erhalten, eine andere Wirklichkeit kennen lernen.
So habe ich mir das vorgestellt.

Mein Leben dreht sich auch um meine Arbeit, aber eigentlich nur zeitlich. 7 ½ Stunden täglich befinde ich mich im Gebäude meines einjährigen Arbeitgebers. Nicht aber so, wie ich es mir vorgestellt habe. Ich komme nicht gestresst nach Hause, weil ich so viel arbeiten musste und eigentlich 12 Stunden arbeiten müsste, um alles zu schaffen, was ich mir vorgenommen habe.
Ich komme nicht zufrieden nach Hause, weil ich einen kleinen Erfolg feiern könnte. Sei es, weil ich mit mir an diesem Tag sehr zufrieden war, oder weil ich vielleicht mit meiner Arbeit etwas erreichen konnte. Ich kann mich nicht mit meiner Arbeit nicht identifizieren, weil ich nichts zu arbeiten habe.

Ich komme mir unnütz vor. Am Besten fange ich dann bei mir selbst an, muss erst einmal bei mir suchen, was ist das Problem? Liegt es an mir? Mache ich vielleicht etwas falsch? Will ich vielleicht gar nicht arbeiten? Diese Frage habe ich nun alle mit nein beantwortet und auch meine andere Vertrauenspersonen wissen, dass ich nicht zu faul bin, dass ich arbeiten möchte und mit meiner Arbeit und meinen Stärken so einiges erreichen könnte.

Das macht mich unzufrieden.
Woraus besteht also mein Leben hier? Wo ist der Sinn meines Aufenthalts hier in Nicaragua?

Zum einem liegt der Sinn in meiner Gastfamilie oder besser gesagt in meiner Gastmutter.
Ich bin meiner Gastmutter sehr, sehr dankbar, sie richtet mich immer wieder auf. Sie lenkt mich ab. Sie hört mir zu und wir haben spannende Gespräche unter Frauen über die Welt, über die Revolution, über Politik und über Männer.
Sie ist meine Gastmutter. Und wir haben die Grenzen schon lange durchbrochen. Wir haben keine Scheu voreinander, wir erzählen uns sehr private Dinge, wir machen dreckige Witze und wir lachen darüber. Wir sind beide verrückt und passen deswegen so gut zueinander. Wir tanzen beide gerne. Wir haben einen Hang zum Draufgängerinnentum und wir lieben es unabhängig und frei zu sein.
Sie kann mir viel beibringen, sie ist Feministin, aber nicht radikal. Ich lerne von ihr, jeden Tag in unseren Gesprächen. Sie erahnt meine Stimmungslagen und kennt mich derweil zu gut, so dass ich sie nicht einmal anflunkern könnte, wenn sie mich fragt, wann ich nach Hause gekommen bin.
Und als meine Gastmutter hat sie eine Verantwortung, wie meine richtige Mutter. Als ich im Urlaub war, hat sie mir jeden Tag eine SMS geschrieben, um mich zu fragen, wie es mir geht und ob alles in Ordnung ist. Sie würde mir aber nie zeigen, dass sie besorgt ist, mir etwas verbieten.
Genieß dein Leben und sammel Erfahrungen, dafür bist du hier!
Sie lässt mich frei, sie behandelt mich wie eine Erwachsene, gibt mir aber trotzdem Ratschläge oder kritisiert mein Verhalten, wenn ich einmal nicht genug nachgedacht habe oder meinen Prinzipien untreu werde. Aber sie lässt mich das machen, was ich will, wann ich will und wie ich will.

Zum anderen gibt dieses Leben hier meinem Leben dort, in Deutschland, einen neuen Sinn. Sie gibt meiner Familie und meinen Freunden eine neue Bedeutung. Sie lehrt mich, wie wichtig mir diese Menschen sind. Und trotz allen Weltenbummlertums zieht es mich also in das schöne Recklinghausen zurück, um eben diese besonderen Menschen wiederzusehen. Denn auch wenn wir nicht jeden Tag schreiben können und nicht einen Kaffee trinken können, uns Umarmen können, sie sind da. Das weiß ich.
Vor allem die Person, mit der ich den Großteil meines Lebens verbracht habe, vermisse ich umso mehr: meine Mutter. Ich bin die Freiwillige unser Gruppe, die am Häufigsten mit ihren Eltern telefoniert. Jede Woche, mindestens eine halbe Stunde.
Aber ich fühle mich deswegen nicht schlecht, ich bin keine Muttertochter (das Wort gibt es nicht, es gibt nur Muttersöhnchen, es ist also neu, von mir erfunden).
Als ich in den letzten Jahren in Costa Rica war, hat sich meine Mutter immer beschwert, ich würde mich zu selten melden, zu wenig Kontakt halten, sie mache sich Sorgen. Ich bin so froh, dass ich sie habe und dass sie mich auf all meinen Wegen unterstützt und auch meine Macken akzeptiert und toleriert, auch wenn das bestimmt nicht immer einfach ist. Wie glücklich kann ich mich schätzen, eine solche Mutter zu haben?!

Und auch wenn ich das nicht so sehen will, ich habe mehr von ihr, als ich gedacht habe.
Eine Eigentschaft, die ich übernommen habe, ist die Leidenschaft für das Tanzen und auch das Talent dafür habe ich von ihr geerbt.
In Deutschland wollte ich immer Tanzen, habe mich aber zu alt dafür gefühlt, es als Sport anzufangen. Also habe ich es in den Diskos und in unserem Haus gemacht und sie immer bewundert für ihr Hobby und ihr Können.
Jetzt habe ich mir hier zusammengerissen und mich getraut: Ich gehe jede Woche in einer Gruppe tanzen und am Wochenende übe ich das Erlernte in einer der Diskos.
Dann komme ich also von der Arbeit und bin unzufrieden mit mir und allem und vergesse diese Niedergeschlagenheit bei Musik und Bewegung und gehe meinem Talent nach und fühle mich so glücklich und zufrieden und frei.

Und dann sind da meine Freunde hier. Vor allem allerdings meine deutschen Freunde, mit denen ich Stunde um Stunde reden kann, mich austauschen kann, sauer sein kann, traurig sein kann.
Ohne sie wäre ich ziemlich einsam. Denn es gibt Dinge, die lassen sich besser auf Deutsch besprechen, kritisieren, reflektieren. Es ist nicht so mit der ganzen Gruppe, aber ich habe einige, die mir ganz besonders ans Herz gewachsen sind, ohne die ich manche Situation nicht überstanden hätte. Und unsere gemeinsamen Erfahrungen hier, schweißen uns zusammen, bringen uns näher, als ich es gedacht hätte. Diese Zeit wird auch dafür sorgen, dass wir in Zukunft weiterhin viel miteinander zu tun haben. Auch hier gibt es sowas wie ein blindes Verständnis, wir kennen uns einfach.

Meine nicaraguanischen Freunde darf ich nicht vergessen. Hier muss ich das Wort Freundschaft allerdings geschlechtergetrennt betrachten. Es ist schwierig: Männer und Freundschaften.
Das ist in Nicaragua wie mein Hund Oso (Bär) und eine Katze. Er liebt sie, er würde sie am Liebsten zerfleischen. Diese Kombination passt einfach nicht zusammen. Ich würde gerne das Gegenteil behaupten können. Ausnahmen sind unheimlich rar. Immer flirtet Mann auf seine Art und Weise und das durchaus auch sehr penetrant und nervig, er schickt angeblich „romantische und poetische“ SMS, die mich aber eher nerven und anwidern. Wenn ich deine Freundin bin, dann nenn´ mich nicht Prinzessin und schreibe mir nicht, was für eine hübsche und tolle und außergewöhnliche Frau ich bin und dass du mein bester Freund sein möchtest.
Ich kenne nun vier Ausnahmen. Meinen Gastbruder, den besten Freund meines Gastbruder und zwei andere Männer, einer ist vermutlich schwul.
Dafür habe ich nun einige weibliche nicaraguanische Freundinnen, die mir viel bedeuten. Ich sehe sie nicht jeden Tag und es war jeweils ein sehr harter Kampf, eine Freundschaft zu beginnen aber wir haben es geschafft.

Dazu gehört auch unser altes 17-jähriges Hausmädchen. Unsere Leben könnten verschiedener nicht sein und eigentlich gehört es sich hier auch nicht, dass die Bedienstete mit einer der zu Bedienenden befreundet ist. Gestern, als sie ihren letzten Tag bei uns hatte, hat sie weinen müssen und mich mehrmals ganz fest umarmt, sie nennt mich ihre Schwester und Freundin vor ihren anderen Freundinnen und ihrer Familie. Diese Freundschaft war nicht zuletzt deswegen schwierig, weil meine Gastmutter unzufrieden mit ihrer Arbeit war und sie sich selbst unwohl gefühlt hat und ich der Meinung bin, dass sie ihr Bestes gegeben hat und somit meiner Familie wiedersprochen habe.
Sie hat für mich gekocht, gewaschen und geputzt. Sie hat mich stets Siezen müssen und wurde häufiger sogar gerügt, sie würde keine Distanz halten und sich zu sehr an mich ketten. Aber ich wollte das und ich wollte nicht, dass sie mir das Essen serviert und mein Zimmer putzt und so musste sie es auch nicht.

Des weiteren genieße ich hier meine Jugend. Ich gehe mit meinen Freunden häufig aus, wir gehen tanzen oder auf Konzerte. Nicaraguanische Musik von nicaraguanischen Künstlern, Texte über die Revolution, über das Land, über Freundschaften und Liebe.

Dann ist da das Heimweh. Meine Mutter hat gesagt, schau dir die Sterne an, die gleichen können wir auch in Deutschland sehen. Das stimmt nicht ganz, der Mond z.B. liegt hier auf der Seite, es gibt keine abnehmende oder zunehmende Sichel. Nein, es sieht eher aus, als wäre er umgekippt. Aber es geht ja um die Vorstellung.

Und auch die Arbeit wird sich ändern, denn ich werde die Organisation nun endlich wechseln.
Zu einer Frauenorganisation.

Und was auch zeigt, dass nicht alles umsonst ist: Ich fühle mich trotzdem wohl, ich fühle mich weder als Touristin, noch als Ausländerin.
Ich laufe durch meine Stadt Estelí und grüße Bekannte auf der Straße.
Ich höre nicaraguanische Musik und fühle mich von ihr auf eine außergewöhnliche Weise berührt, wie es deutsche Musik nie geschafft hat.
Ich komme abends nach Hause, schaue mir den Sternenhimmel an und fühle mich zuhause und fühle mich anders. Mehr Laura Isabel als vorher. Ich habe Hoffnung, dass es besser wird und arbeite auch selbst daran.

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