Ich bin ja eher der schlichtere Typ. Was Weihnachten betrifft. Weihnachtsbäume sind grün. Klar, sind sie schließlich in der Natur auch. Baumbeleuchtung = die Lampen sind klar. Nur in ganz wenigen Fällen sind Lampen in Kerzenform erlaubt. Kein Flackern, kein Blinken. Schon gar nicht bunt. Lametta = Müll, Umweltverschmutzung. Baumschmuck und Kugeln, bitte aus Holz und die Kugeln einfarbig. Fensterschmuck. Schlicht. Keine bunten Weihnachtsmänner. Keine tanzenden Weihnachtsmänner im Wohnzimmer, die wohlmöglich auch noch singen, „Jingle Bells, Jingle Bells“. Rentiere gabs bei uns in Deutschland, allerdings aus Holz, ohne Schnickschnack. Auch meine Weihnachtskarten sind stilvoll. Ich liebe Weihnachtsmärkte, wenn sie keinen Krimskrams verkaufen, sondern Kunsthandwerk, mittelalterliche Märkte etc. Weihnachtsmänner, die in Kaufhäusern sitzen und den Kinder Geschenke geben, sind auch tabu. Hinzu kommt zur Weihnachtszeit dieser Konsumwahn, alle Menschen scheinen wie wahnsinnig. Die Kaufhäuser sind voll, die Menschen rücksichtslos und überall bunte, glitzernde, viel zu teure Waren.
Okay. Lateinamerika. Nicaragua. Stellen wir unsere Ansprüche an Weihnachten zurück. Ich öffne mich für eine neue Welt. Ich bin tolerant und respektiere andere Bräuche und Sitten. Klar doch. Öffnen wir uns für das Andere, Fremde, Neue.
Mir ist bewusst, dass ich Weihnachten bei 25 bis 30° C feiern werde, kein Schnee, keine kahlen Bäume. Wundervoll. Sommer. Nicht Winter. Auf keinen Fall Schnee.
Aber irgendwo hört die Toleranz auch auf. Kunstweihnachtsbäume sind okay, wenn sie natürlich aussehen, wird wenigstens keine Tanne für abgeholzt und später weggeworfen. Aber weiße Plastikbäume? Blinkende, bunte Lichter? Nicht nur in den Häusern, sondern auch im Parque Central? Bunte hässliche Krippen, mit Jesus-Kind und daneben Santa Claus? Die Krippe bildet ein scheinbarer Badevorhang mit Palmenmotiv. Auch noch nachts um 23 Uhr ertönt eine eine metallisch klingende Melodie aus der Krippe, die allerdings mehr an eine ersterbende Spieluhr aus den 70ern klingt. Feuerwerk um 0 Uhr nachts an Heiligabend? Bekannte Weihnachtsmusik auf Spanisch mit Ranchera-Melodie (Ranchera = Volksmusik) oder gar mit Salsa hinterlegt?
Lieber Weihnachtsmann, war ich ein so böses Kind in diesem Jahr, dass du mich so bestrafst?
Auch hier in Estelí sind die verlängerten Weihnachtsöffnungszeiten eingeführt worden. Schön und gut. Hier gibt’s dann aber auch eine Abschlussveranstaltung mit Straßenumzug. Zwei Bandas de Guerra (Spielmannszüge, wie bereits früher einmal erwähnt) mit (halb)nackten Tänzerinnen. In der ganzen Einkaufsstraße wird Bier, Rum und Essen verkauft, auch andere Softdrinks für die Kinder. Blinkende Weihnachtsmützen etc pp. Auf der Bühne wird die Prinzessin der langen Einkaufsnächte gekrönt, es gibt noch mehr nackte Tänzerinnen und einen verkleideten Sänger der mexikanische Volkslieder trällert, auch der Bürgermeister trägt eine Weihnachtsmütze, sonst leger in T-Shirt. Die Menschen verfallen auch hier in einen alljährlichen Wahnsinn. Ich bin umgeben davon, sie sind überall.
Und zum krönenden Abschluss gibt es ein riesiges, doch sehr schönes, ja.... Feuerwerk.
Überhaupt höre ich von Mitte November bis Dezember Chinaböller, laute Knalle, sehe Raketen, bunte Sachen in der Luft. Da hätte ich mich richtig über ein Verkaufsverbot wie bei uns gefreut, oder sagen wir, eine Einschränkung. Eine TÜV-Überprüfung der Feuerwerkskörper fände ich allerdings auch nicht schlecht. Oder Eltern, die ihren Kindern bis zu einem Alter von mindestens 16 Jahren verbieten, Raketen aus der Hand starten zu lassen, die es den 7-jährigen verbieten, Böller anzuzünden.
Wenn es in Deutschland schon schwierig ist mit Weihnachtsstimmung, weil ich mich strikt gegen „Wer schenkt das größere und teurere Geschenk?“ und „wer schafft es noch am 24.12. schnell alle Geschenke zu kaufen?“ wehre. Stress in den Straßen. Kaufrausch. Weihnachtschöre. Weihnachtsmarkt mit Familie, Freunden, Kokosnüsse, Mandarinen versus vermeintliche Indianer und Indigene aus den Anden, die schön Tanzen und Singen, äh Playback.... Unsere Schulband auf dem Weihnachtsmarkt Recklinghausen.
Idyllisch. Ich bin also nicht ganz gegen alles weihnachtliche, befinde mich aber in einem ständigen Zwiespalt, gerührt sein, sich über die besinnliche Zeit freuen oder alles verabscheuen und verfluchen.
Generell mag ich aber Weihnachtsmärkte, drüberschlendern mit Freunden und Familie und die schön beleuchteten Häuser und Stände betrachten.
Ich mag es, mit meiner Familie den Weihnachtsbaum zu schmücken. Einen Weihnachtsspaziergang zu machen, wenn möglich sogar im Schnee. Gemeinsames Vorbereiten des Festessens. Gemütliches Zusammensitzen am Abend, bei Kerzenschein. Schöne Gespräche. Familienstimmung. Ein wenig auch die Freude über ein besonderes Geschenk, wenn sich der andere besondere Mühe gegeben hat. Die gesamte Familie sehen. Sowas eben.
Ein Glück, meine Gastmama hat auch Stil. Ein grüner Weihnachtsbaum (ja, leider aus Plastik, hier gibt’s eher tropische Pflanzen als echte Nordmanntannen), mit roten und goldenen Kugeln, die Lichter sind klar.... Wenn einige auch blinken. Sieht aber echt schön aus, so neben unserer Palme im Garten, neben meinem Sonnenbrand, bei 25°C im Schatten.
Hier sei aber zu beachten, dass in den letzten Tagen eine unheimliche Kälte in Estelí vorherrscht. Ich, die Temperaturen unter O°C gewöhnt ist, Eiseskälte, dicke Wintermäntel, Handschuhe und Schals, Frost und trotzdem, auch im Winter, mit offenem Fenster schlafe, friere. Eine Nacht habe ich mit T-Shirt, Pullover und einer dicken Wolldecke geschlafen und habe immer noch gefroren.
Jetzt sitze ich mit Leggins, T-Shirt, Pullover und meinem Bettbezug auf dem Sofa und friere. Das sind ja schon fast deutsche Temperaturen hier. Ich habe mich so ans Klima hier gewöhnt, dass ich vor den Nicaraguanern friere und das ist echt eine Kunst. Dicke Winterjacken aus dem Second Hand- Land werden bei 18°C aus dem Schrank geholt.
Mein Weihnachtsfest. 30 Leute befinden sich in dem Haus meiner Gastoma.
Der Weihnachtsbaum.... ist weiß.... 100 % Plastik. Glitzer. Glitzer. Blink. Blink.
Mein Gastonkel und mein Gastgroßonkel sind als Clowns verkleidet und legen eine Einlage hin, die sich in jedem B-Zirkus sehen lassen kann. Laut. Bunt. Improvisiert. Die Kinder sind begeistert. Ein Gekreische. Vor allem, weil nebenbei noch eine Piñata mit ganz vielen Süßigkeiten darauf wartet, zerstört zu werden. Das übernehmen geschickterweise auch die Clowns, so dass beide Veranstaltung vermischt werden und ich keine aggressiven Kinder sehen muss, die mit voller Kraft und Gier auf eine Pappfigur einschlagen. Die ganze Nacht spielen die Kinder und Jugendlichen auf der Straße mit den Feuerwerkskörpern, drinnen laute Musik, Reise nach Jerusalem oder ähnliches, Dinámicas.
Zwei Mädchen der Familie tanzen etwas vor, vor den Großeltern viel Popogewackel und anzügliche Bewegungen.
Aufgrund der ökonomischen Situation soll es dies Jahr keinen Geschenkeaustausch geben. Stattdessen soll diesmal kreativ geschenkt werden. Ein Gedicht. Ein Lied. Ein Tanz. Dem zu Beschenkenden gewidmet. Komischerweise liegen doch zahlreiche riesige Geschenke unter dem vermeintlichen Weihnachtsbaum. Für die Kinder. Groß, schwer, teuer. Für mich ist das: Ziel verfehlt.
Da Felipes (ein anderer Freiwilliger) und meine Familie verwandt sind, einer der Clowns ist sein Gastbruder, ist er auch da. Zu unserer beider Rettung. Wir halten uns im Hintergrund auf, sprechen mehr auf Deutsch als sonst, heute wollen wir uns abgrenzen, auch wenn das möglicherweise genau das Falsche ist. Aber irgendwie ist das alles zu viel, zu viel Lärm, zu viele Menschen, zu viel Stress und Show. Das Heimweh schmerzt heute besonders doll und ich fühle mich mehr als fremd.
Als ich Stunden früher an diesem Tag mit meiner Gastmama in der Stadt zu Mittag gegessen habe, rufen mich meine Großeltern, mein Onkel, meine Mutter und mein Vater an. Mit einer Pause von jeweils 10 Minuten werde ich durch 5 Personen, die mit mir sprechen, als seien sie nur einen Meter von mir entfernt, daran erinnert, wie wichtig und besonders es doch ist, Weihnachten mit seinen Allerliebsten zu verbringen. Ohne Remmidemmi am Besten. Nicht langweilig, aber besinnlich.
In der Stadt Estelí werde ich ja ohnehin häufig angestarrt, aber in dieser Situation besonders. Ich laufe mit meiner nicaraguanisch aussehenden Gastmama durch die Stadt, habe das Handy am Ohr, fasel irgendetwas auf einer komischen Sprache und mir laufen Tränen die Wangen hinunter. Bei ihnen ist es schon 22 Uhr abends, die Bescherung, das Essen ist bereits Vergangenheit, der Weihnachtsbaum leuchtet, draußen liegt Schnee. Doch etwas fehlt. Ich fehle in diesem Szenario. Und ich hätte nicht gedacht, wie sehr ich doch an diesem Tag daran zu arbeiten habe, nicht in Deutschland zu sein. Das hätte ich mir nie vorgestellt.
Mein erstes Weihnachtsfest ist also nicht so schön.
Aber ich habe ja noch eine Einladung. Bei einer anderen nicaraguanischen Familie.
Ich mache mich um 22.30 Uhr auf den Weg, im Taxi, mit meinen hohen Schuhen, Pfennigabsätze, sexy Kleid, am Rücken tief ausgeschnitten, hauteng anliegend, mit dem ich keinesfalls besonders herausstechen würde, wäre ich nicht Chela. Auf allen Straßen befinden sich Familien, es dröhnt laute Musik aus den Häusern, Salsa, Merengue. Feuerwerkskörper. Aufregung und Anspannung liegt in der Luft. Die Adresse, zu der ich will, vergesse ich auf dem Weg, zu gebannt bin ich von der plötzlichen Dunkelheit in einem etwas unheimlichen Barrio.
Gut, dass ich nicht alleine im Taxi bin. So irre ich ein wenig herum, bis ich nochmal anrufe und die Adresse direkt dem Taxifahrer erklärt wird, ich wollte eigentlich schon aussteigen und laufen, aber das haben die anderen Mitreisenden dann nicht zugelassen.
Angekommen, platze ich dann gerade in die hiesigen Gottesanbetungen hinein. Uuuups. Peinlich.
Die Atmosphäre ist herzlicher, wärmer, ich werde freudig begrüßt, man bietet mir ein zweites Weihnachtsmahl an. Wir sitzen in der Küche, lachen viel, trinken Wein und essen Relleno und Salat (Relleno ist eine Mischung aus verschiedenen Gemüsesorten mit einer cremigen braunen Sauce). Der Koch ist mein besonderer Schatz, Julio. Wir entfernen uns vom Gebet, das nun schon 20 Minuten dauert und lachen viel, machen Späße, sind laut und kindisch. Danach gibt’s noch eine Fotosession. Man nimmt sich in den Arm, tanzt, lacht. Ich fühle mich wohl, auch wenn es hier sogar einen kleinen Plastikweihnachtsmann gibt, der ständig an einer Leiter hoch und runter klettert und dabei singt.
Hier werden sich Glückwünsche zu Weihnachten zugesprochen. Felicidades. Um 0 Uhr das Feuerwerk in der Straße.
Mein 7-jähriges Lieblingskind Tommy ist auch dabei. (Tommy hat, als wir uns kennen gelernt haben, wie wild auf eine Piñata eingeschlagen und eine Agression an den Tag gelegt, die mich beängstigt hat, ist ungezogen gewesen und anstrengend. Nun ist er mutiert und in seinen stillen Momenten ein liebes, interessiertes, hilfsbereites Kind mit kurzen Ausrastern.)
Feuerwerke bin ich zwar nur zu Silvester gewöhnt, aber das akzeptiere ich jetzt mal. Weitere Glückwünsche und Umarmungen und Küsse.
Nun gibt es noch Kuchen (ganz abgesehen von den anderen Gerichten mit viel Fleisch,die ich nicht angerührt habe) und es wird weiter gegessen und getrunken.
Wenig später wird die Gitarre herausgeholt und gesungen. Die Stimmung wird kurzfristig etwas besinnlicher. Angenehm.
Als es dann um 1 Uhr morgens nach Hause geht, wird auch hier die Musik laut aufgedreht, getanzt. Meine hohen Schühchen durch diese hässlichen Plastiklatschen, die derzeit ganz in sind, eingetauscht, ein Jäckchen angezogen (es sind schließlich nur noch ungefähr 22 °C).
Aber wir sind in Nicaragua, das betone ich besonders gerne. Das heißt? Irgendwas muss die Ruhe stören! Das wäre ja zu schön, wenn alles ruhig und normal ablauft.
Wenig später hören wir einen Knall. Wir laufen nach draußen und sehen, wie ein Fahrer seinen Pickup zurücksetzt, hat er doch das parkende Auto eines Familienmitglieds aus unserem Haus angefahren. Er bleibt stehen. 15 Frauen, Kinder, Ältere und Männer springen von der Rückfläche. Der Fahrer flucht, steigt auch aus, ist eindeutig schon sehr angeheitert, wenn nicht stockbetrunken.
Der Schaden wird begutachtet, nicht so groß für das Auge der autotechnisch versierten Laura Isabel.
Der Versursacher möchte den Schaden nicht verursacht haben, das angefahrene Auto sei schließlich gegen die Fahrtrichtung geparkt.
Die Straße ist allerdings sehr breit, er scheint nicht so schnell gefahren zu sein und hat trotzdem das Auto berührt. Komisch. Der Betrunkene wird laut. Der betroffene Besitzer, Tito, ist ganz ruhig, sagt, er rufe jetzt die Polizei. Die Frauen, die mit dem Betrunkenen gefahren sind, versuchen ihren Fahrer zu beruhigen, das bringe doch nichts, laut zu werden. Dieser will lieber wegfahren. Tito nimmt geistesgegenwertig den Schlüssel aus dem Zündschloss, die anderen versuchen ihn daran zu hindern. Das macht den Fahrer natürlich noch wütender. Die Situation wird brenzlig, als die Jungs vom Pickup uns drohen.
In unserem Haus sind allerdings mehr Männer, die sich bereits Stöcke gesucht haben, sich friedlich hinstellen, aber doch schon sehr bedrohlich wirken. Es stellt sich heraus, das auf Seiten des betrunkenen Fahrers auch eine Waffe ist, durch die Macht der Frauen, wird diese aber nicht gezückt.
Auf meiner Seite ist eine Maschete hinzugekommen.
Für mich ist diese ganze Geschichte sehr unterhaltsam, da waren meine Weihnachtsfeiern ja immer vergleichsweise langweilig. Bei völligem Trinkverbot am Steuer und verstärkter Polizeikontrollen an den Festtagen.
Die Polizei lässt auf sich warten. Der Betrunkene flucht so vor sich hin. Droht uns sogar. Nach zwei Stunden ist dann alles von der Polizei ausgemessen und dokumentiert worden. Verstärkung ist auch angefordert worden, der arme Streifenpolizist auf seinem Motorrad war überfordert. Der Alte flucht weiter, ein anderer Alter auch, wir seien schließlich Schuld. Die Polizei nimmt Waffe und Wagen mit.
Die Gruppe läuft geschunden nach Hause. Ich fand das ganze Spektakel sehr spaßig, muss ich sagen.
Um 4.30 Uhr falle ich totmüde ins Bett. Heiligabend de luxe.
Freitag, 8. Januar 2010
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