Freitag, 9. Oktober 2009

Donnerstag, 8. Oktober 2009

El niño con el pijama de rayas


Während unserer Vorbereitungsphase in Deutschland wurden wir darauf aufmerksam gemacht, dass wir in Nicaragua der Frage begegnen werden, in welchem Teil Deutschlands wir denn leben. In der DDR oder BRD. Im Osten oder Westen. Im kommunistischen oder im kapitalistischen Teil.

Ich habe auch schon vorher die Erfahrung gemacht, dass viele Menschen aus anderen Ländern nicht viel über Deutschland und die Geschichte wissen  (Es gibt aber auch eine erschreckend hohe Anzahl an Menschen aus Deutschland, Jugendliche, Erwachsene, die nicht viel bis gar nichts wissen)
Ich habe von anderen Reisenden gehört, dass sie unverblümt mit der Frage konfrontiert wurden, ob Hitler noch Lebe und das er ja eigentlich ein guter Mann war. Die Geschichte mit der Autobahn und der schwierigen Wirtschaftslage und dass jeder Arbeit hatte etc. Es gibt viele Märchen, die Menschen gerne glauben.

Es soll nicht um die Frage gehen, ob ich mich für das schuldig fühle, was in Deutschland während des Nationalsozialismus passiert ist, was davor oder was noch immer passiert.

Während der Schulzeit haben wir viel über diese Zeit geredet, diskutiert, erfahren, gelernt. Im Geschichtsunterricht mit Frau Paton, im Politikunterricht, im Philosophieunterricht mit Herrn Frerichs haben wir Texte Hannah Arendts gelesen, uns den Prozess Eichmanns und seine Argumentation kritisiert, die er in Bezug aufs Kant kategorischen Imperativ verfasst hat, im Deutschunterricht mit Herrn Scheller- Krab. haben wir z.B. Jakob der Lügner gelesen, auch in Sozialwissenschaften haben wir darüber gesprochen, man sieht Filme wie Schindler´s Liste im Fernsehen, Sophie Scholl, Stauffenberg, Wir haben gegen rechtes Gedankengut in Recklinghausen demonstriert, mehrmals. Wir hatten zwei Zeitzeugengespräche, eines verdanke ich Frau Paton, das andere verdanke ich engagierten Lehrern, wie u.a. Herrn Frerichs und Frau Pieper. Halina Birenbaum hat unsere Schule im Jahr 2008 besucht und wir haben über ihr Leben gesprochen. Und mit Adolf Burger, zwei Überlebenden des Holocausts. Während des Gesprächs mit Halina habe ich am Ende vor Zorn und Trauer weinen müssen, weil ich mir genau diese Frage der Schuld gestellt habe (und weil ich einige unserer Schüler während des Vortrags unaufmerksam waren und bereits vor Ende der Veranstaltung den Raum verlassen haben).

Nein, ich bin nicht schuldig, aber ich kann dafür sorgen, dass so etwas nie wieder passiert und dass diese schreckliche Geschichte meines Landes nicht vergessen wird. Das ist meine Aufgabe, meine persönliche Verantwortung, die ich mir selbst auferlege.
Es gibt also Schüler, die beim fünften Mal, wenn der Lehrer sagt, und jetzt reden wir über den Nationalsozialismus, hörbar aufstöhnen und die Augen verdrehen, jedes Jahr gab es in mindestens einem Fach besagtes Thema. Und möglicherweise hätte auch ich ein anderes Thema bevorzugt.

Und auch nach Nicaragua bin ich gekommen und habe mir schon im Vorhinein gedacht, dass ich irgendwann mit dem Thema konfrontiert werde, auf welche Weise auch immer.Bis jetzt habe ich nur Menschen getroffen, die wussten, dass Deutschland nicht mehr durch eine Mauer in zwei Teile gerissen ist, wenn sie auch nicht wissen, dass dies nun schon 20 Jahre her ist.
Soweit so gut, dachte ich mir.
Aber man malt sich die Szenarios natürlich auch nicht aus.

Letzten Donnerstag war es dann so weit, dass ich ganz gern laut geschrien hätte oder, vorzugsweise, die Person ihres Amtes enthoben hätte.
Mit Freddy, meinem Arbeitskollegen, haben wir eine Schule in der städtischen Zone besucht. Die Schule ist eine der besten Grundschulen Estelís, sie haben schöne Gebäude, funktionierende Toiletten, einen Basketballplatz, eine große Aula, schöne Wandmalereien. Alles in allem eine gepflegte, gut funktionierende Schule. Hier haben wir aber trotzdem Material überbracht, gibt es schließlich überall Kinder aus sehr armen Familien, die Unterstützung brauchen, also haben wir ihnen Schulmaterialien übergeben.
Der Schulleiter war auf den ersten Blick schon ein wenig unsympathisch, hat sich aber sichtlich bemüht, ein patentes Bild von sich zu entwerfen. Er sprach begeistert von der vielen Unterstützung, die er aus anderen Ländern enthält und was er schon alles für die Schule, für seine Schutzbefohlenen erreichen konnte, verändern konnte. Nach einigen Minuten hatte ich den Eindruck, dass er auch in mir einen potentiellen Spender suche. Er sei im Moment wieder auf der Suche nach großzügigen Spendern, denn er habe da einige Projekte im Kopf.
So fragte er mich dann nach meinen Kontaktdaten, ob ich ihm meine Email-Adresse auch geben könne, damit er mich über neue Aktivitäten der Schule informieren könne. Das konnte ich wohl noch nachvollziehen.
Während des Gesprächs mit meinem Arbeitskollegen schaute er dann noch mehrmals auf das Stück Papier. Bis er aus heiterem Himmel fragte, wo ich denn herkomme. Deutschland, antworte ich.
„Ah, Hitler!“, antwortet er. Erstaunt, perplex, verwirrt starre ich ihn an. Ein schlechter Scherz.
„Wie bitte?“ „Deutschland! Hitler!?“ Mit lachenden Augen seinerseits.
Aus den Augenwinkeln sehe ich nur, dass er nun auf das kleine Zettelchen mit meinen Daten „Deutschland“ u n d „Hitler“ schreibt.
Meine Reaktion viel dann folgendermaßen aus, ich habe das erste Mal gegenüber einer „Autoritätsperson“, die ich nicht kenne und vor der ich eigentlich natürlichen Respekt hätte, meine höfliche Haltung bewusst aufgegeben und ihm mit aller Deutlichkeit erklärt, dass mein Name, ergo meine Person, weder in Verbindung mit Nationalsozialismus noch mit Hitler in Verbindung stehen, standen und auch nicht stehen werden. Er solle das bitte wegstreichen und sich entschuldigen.
Das tat er dann auch, schuldbewusst, und erzählte mir stolz, dass er sehr viele Filme über diese Zeit gesehen habe und das den Frauen immer die Haare abrasiert worden seien.
Wenn das alles sei, was er über diese Zeit wisse, wäre das sehr traurig und würde mich enttäuschen.
Beschämt schaut er mich an und wechselt das Thema. Daraufhin habe ich nicht mehr mit ihm geredet und werde es wohl auch in Zukunft vermeiden.

Am folgenden Abend, noch ein wenig benommen von dieser Erfahrung, habe ich mit meiner Gastmama Ruth, meiner Gastschwester Arlin und Ronny einen Film geschaut.
Es ist ja scheinbar immer so im Leben, dass sich Zufälle häufen, Gedanken an bestimmte Themen sich mit anderen Ereignissen kreuzen. Zufall. Schicksal. Gewollt von irgendjemandem.

Der Film heißt „El niño en la camisa rayada“. Dieser Film wurde mir schon vor mehreren Wochen angekündigt. „Den musst du unbedingt einmal sehen Laura Isabel. Aber der ist so traurig. Ein richtig guter Film.“ Gut, denke ich. Schauen wir uns den dann mal bei Gelegenheit an, der Titel sagt mir jetzt nichts. Vollkommen ahnungslos sitzen ich mit den anderen auf dem Sofa. Ronny beginnt seine Späße zu machen. Einer, der nicht so witzigen Art, ist dabei. Über besagtes Thema, was mir schon in der Schule begegnet ist. Was dieses Thema betrifft, bin ich allerdings sehr strikt und auch in diesem Fall reagiere ich mit ungewöhnlicher Härte. Ich finde so etwas aber auch einfach nicht lustig. Es täte ihm Leid, er wusste ja nicht, dass ich so reagieren würde. Säuerlich schaue ich ihn, damit war diese Diskussion für beendet erklärt.

Leider stellt sich nach 2 Minuten des Films heraus, dass „Der junge im gestreiften Pyjama“ die deutsche Geschichte behandelt. Bruno ist ein kleiner, lebenslustiger Junge, der mit seiner Familie in einem schönen, großen Haus wohnt, viel mit seinen Freunden spielt. Bis sein Vater nach Berlin versetzt wird, während des 2. Weltkriegs, große Verantwortung, eine Ehre, sein Vater der NS-Offizier.
In Berlin leben sie auch in einem sehr großen, dafür kaltem und hässlichem Haus. Ein Hausbediensteter trägt so einen komischen gestreiften Pyjama, er wird schlecht behandelt, menschenunwürdig, angeschrien, wie Dreck behandelt. Arzt sei er früher gewesen. Aber warum er dann nicht in einer Praxis arbeiten würde, anstatt Gemüse zu putzen und das Haus in Stand zu halten, fragt Bruno unschuldig mit seinen tiefblauen Augen. Bruno ist vermutlich 8 Jahre alt. Aus dem Dachfenster sieht er die Dächer einiger Baracken nicht allzu weit vom Haus entfernt, manchmal weht ein ekelerregender süßlich-verbrannter Gestank, brauner Rauch, herüber. Ab sofort ist es für Bruno verboten, aus dem Dachfenster zu schauen, genauso wenig darf er hinter dem Haus spielen. Das kann man einem kleinen Jungen allerdings schlecht verbieten,weckt es doch erst recht seinen großen Entdecker- Geist. Heimlich schleicht er sich eines Tage durch ein offenes Fenster im Schuppen vom Grundstück, rennt überglücklich ob seiner neuen Freiheit durch den Wald, spielt Soldat, schießt wild mit seiner Luftpistole herum. Bis er an einen Zaun gelangt, dahinter diese komischen Baracken, viele Menschen in diesen komischen gestreiften Pyjamas. Und ein kleiner Junge, der sich hinter einem großen Schutthaufen versteckt, blass, kränklich aussehend.
Shmuel heißt er, hat auch eine Nummer auf seinem Pyjama, die die anderen wie einen Namen benutzen. Das seien keine Pyjama, das wäre nun seine Kleidung. Eine ungewöhnliche und ungleiche Freundschaft entsteht.
Die Geschichte nimmt für mich vorhersehbare Wendungen, vorhersehbar, weil bekannt aus Geschichtsunterricht und weil die Ereignisse zu erahnen sind, trotzdem würde man das Ende gerne ändern. Tränen des Zornes habe ich geweint, der Wut über die grausame, deutsche Geschichte.

Ob das wirklich so war, werde ich von den anderen gefragt. Ja. Noch schlimmer war es. Denn die Geschichte ist Fiktion, der kleine Junge wäre gar nicht erst ins Konzentrationslager gekommen, er wäre sofort umgebracht worden, mit den andern Kindern, Alten, die nicht arbeiten können, auf der Rampe selektiert worden, sofort in die Duschen. Die Menschen hätte ihre Nummer nicht nur auf ihrem Pyjama, sondern auch auf ihrem Arm eintattoowiert gehabt. Für die Überlebenden eine ständige Erinnerung.

Am nächsten Tag möchte ich mehr über diesen Film wissen. Ein englischer Film ist es, von 2008, gute, glaubwürdige Schauspieler machen die Geschichte authentisch. Nach einem Buch für Jugendliche eines irischen Autors, 2006, hat zahlreiche Preise gewonnen. Die F.A.Z. betrachtet das Ganze etwas kritischer. Der Film sei eine Frechheit. Mit grausamer Musik hinterlegt, von dem Komponisten, der auch die Musik für Titanic gestaltet hat. Wahrheit und Fiktion werden auf unerhörte Weise vermischt. Bruno erinnert mit seinen blauen Augen und den langen braunen Haaren an einen kleinen Harry Potter, Absicht? Publikumswirksam?? Aber der Film sei gut. Genauso fragwürdig: hHt die Frau des Kommandanten wirklich nichts davon gewusst, dass Menschen in den Konzentrationslagern getötet wurden. Das wäre wieder eine allgemeine Entschuldigung für die Untätigkeit vieler, man hat ja nichts gewusst, man hat ja nichts mitbekommen, wird von dem Rabbi Benjamin Blech kritisiert.

In Deutschland haben wir häufig mit diesem Thema zu tun. Für einige zu häufig. Doch hier ist es ein anderes Gefühl, wenn Hitler, die NS- Zeit angesprochen wird. Erkläre doch einmal deiner Gastschwester, warum die Menschen das gemacht haben, warum sich nicht das ganze Volk dagegen gewehrt hat, wie man so grausam und unmenschlich sein kann, warum so viele untätig waren und die Geschichte vom bösen Juden geglaubt haben.
Meine Schwester weiß einiges, will aber noch einmal aus meinem Mund hören, dass wirklich Menschen, Juden, verbrannt wurden. Daraufhin erkläre ich ihr, dass auch Menschen mit Behinderung und Sinti und Roma in Konzentrationslager gekommen sind, weil sie nicht dem Ideal Hitlers entsprachen.

Ich bin gerüstet. Auch das ist interkultureller Austausch und nötig zum gegenseitigen Verständnis.
Schließlich stellt sich ja auch immer die Frage, was man mit seinen Aussagen, seinen Erzählungen, bei den anderen hier bewirken möchte. Ins kalte Wasser geworfen. Aber Prüfung bestanden.


Dienstag, 6. Oktober 2009

Zwiegespalten.

Was ich vermisse....

... Kälte-  weil es hier jeden Tag brütend heiß ist und ich jeden Tag in langer Hose und T-Shirt arbeite.

... Regen-  weil die Regenzeit in diesem Jahr der Trockenzeit gleicht.

... Ruhe-  weil morgens um sechs Uhr die Lautstärke unerhört ist. Hunde. laute Musik. Straßenlärm. kreischende Menschen. Werkstättenlärm. Schweine. Kinder.  Ich hätte sogar gerne die Autobahn in meiner Nähe.

... eine saubere Umwelt-  weil die Menschen ihre Umgebung doch sehr stark verschmutzen. Müll. Müll. Müll.

... ab und zu warmes Wasser-  weil es morgens um sechs doch ungangenehm ist, sich unter das kalte Wasser zu stellen.

... Leitungswasser/ Trinkwasser, das nicht nach Chlor schmeckt.

... ab und zu eine Waschmaschine. Handwäsche ist anstrengend.

... Schule- .... kein Kommentar ;) Nein, weil ich z.B. die Philosophie- Stunden vermisse, die Diskussionen, die Meinungsverschiedenheiten, meine Mitschüler (einige)

... meine Freunde, meine Familie, meine Katze- weil diese doch nicht zu ersetzen sind.

... Zeit- wenn ich nicht arbeite oder schlafe oder esse, bin ich in irgendwelche Aktivitäten eingebunden. Zeit zum Nachdenken. Zeit zum Ausruhen. Zeit, um einfach nichts zu tun.

... kleine Streitigkeiten- hier hat oder musste mir bis jetzt noch niemand die Meinung sagen. ;)


Was mich hier glücklich macht...

... meine nicaraguanischen Freunde, die mich sehr herzlich aufgenommen haben.




... meine Familie, bestehend aus Gastmama und -Schwestern.

... unser Hund Ozo, der nach anfänglichen Schwierigkeiten und trotz seiner komischen Eigenheiten (er lässt sich z.B. nicht streicheln), mittlerweile nicht mehr von meiner Seite weicht und eifersüchtig ist, wenn sich gewisse Menschen nähern.




... mein Tanzkurs, der mir nach der Arbeit hilft, abzuschalten und nicht zu denken und das zu machen, was mir meine Mama in die Wiege gelegt hat. Tanzen<3

... Musik.

... die Natur. Auch wenn sie nicht immer sauber ist und nicht so geschützt wird, wie in Costa Rica, ist sie doch atemberaubend schön.

... das Bewusstsein, dass in Deutschland einige Menschen ganz fest an mich denken.

... die Menschen, die so offen und freundlich sind, wenn man sie erst einmal kennen lernt und einem fast immer direkt in die Augen schauen.

... die Lebensfreude. Auch wenn die Menschen arm sind, genießen sie ihr Leben, ohne sich ständig zu beschweren, über die schlechte wirtschaftliche oder politische Situation.

... meine Freiheit. 


... mein neues Selbstbewusstsein.


... mein neue Heimat.