Versuchter Raubüberfall, versuchte Vergewaltigung.
Wir wollen ja nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen. Aber zumindest ehrlich sein. Und große Spekulationen vermeiden. So etwas spricht sich schließlich schnell rum.
Aber sowas passiert mir doch nicht. Ja! Das habe ich gedacht. Und es passiert eben doch, dann, wenn man es nicht erwartet.
Es hätte auch in jedem anderen Land passieren können. In Nicaragua oder Deutschland. Also keine Verallgemeinerungen nach dem Motto: Ich habs gewusst, sie ist schließlich in Nicaragua.
Es hätte auch in jedem anderen Land passieren können. In Nicaragua oder Deutschland. Also keine Verallgemeinerungen nach dem Motto: Ich habs gewusst, sie ist schließlich in Nicaragua.
Warum ich darüber schreiben möchte? Weil das auch eine Form der Verarbeitung ist. Weil ich so etwas nicht verdrängen soll. Und weil ich andere warnen möchte.
Nach gut 3 ½ Monaten hier in Estelí fühle ich mich sicher. Unbeschwert. Zu Hause. Integriert.
Was will man mehr. Aber da habe ich trotz allem vergessen, wo ich bin. In einem sehr armen Entwicklungsland. Und man hat uns doch so häufig gewarnt, vorsichtig zu sein. Gerade wir als Cheles und Chelas. In Deutschland gewarnt von Deutschen, hier in Nicaragua von den Nicaraguanern, gerade in der Weihnachtszeit steigt die Rate der Diebstähle und Raubüberfälle an. Trotz allem ist Nicaragua das sicherste Land Lateinamerikas und das möchte ich auch nicht widerlegen.
Wir sind bei ein paar Freunden gewesen, wir haben etwas getrunken, ich bin aber nicht betrunken. Es ist kurz nach 22 Uhr. Mein Exfreund ruft mich an, ein kleines Wunder, fragt mich, wie es mir geht, was ich mache. Er weiß nicht, dass ich nur 3 Blocks von ihm entfernt bin. Vielleicht komme ich ihn in den nächsten Tagen mal besuchen, erwiedere ich.
Aber warum nicht jetzt?
Ich bin mal eben für ein paar Minuten weg, sage ich Fabian und Lisa, anderen Freiwilligen.
Deutsche Selbstverständlichkeit. Mal eben die drei Blocks laufen, ist ja nicht weit.
Deutsche Selbstverständlichkeit. Mal eben die drei Blocks laufen, ist ja nicht weit.
Die Straße ist hell erleuchtet, etwas verlassen, aber ich bin in einer ordentlichen Gegend, sogar asphaltiert die Straße. Ich habe mein Handy in der Hand, seine Nummer gewählt. Nein ich sage ihm nicht, dass ich vorbei komme. Aus den Augenwinkeln sehe ich in der nächsten Straßenecke ein paar herumlungernde Seelen. Intuitiv stecke ich mein Handy in meine kleine Umhängetasche.
Mir ist ein bisschen kalt in meinem Minirock und meinem T-Shirt, sonst habe ich doch auch immer eine Leggins drunter. Mist.
Ich gehe weiter in ihre Richtung. Ich richte mich etwas mehr auf. Selbstbewusst. Stark.
Doch sie erheben sich, wie auf ein unsichtbares Komando und kommen auf mich zu.
Na Klasse, eine Gruppe gelangweilter junger Männer, jetzt bekomme ich bestimmt eine vulgäre Sprüche zu hören. Ich geh immer noch weiter, versuche einen kleinen Bogen zu schlagen.
Doch sie gehen nicht an mir vorbei, sie umringen mich.
Doch sie gehen nicht an mir vorbei, sie umringen mich.
Sie sagen etwas zu mir auf Spanisch, als mich plötzlich einer von hinten umfasst und festhält.
Ich fange an zu schreien, ohne nachzudenken. So laut ich kann. Mein erstes Wort ist Lisa, quasi meine Schwester hier oder mehr als das, die doch nur einen Block entfernt laut Musik hört und fröhlich feiert.
Ich weiß nicht, ob ich weiter auf Deutsch schreie oder auf Spanisch.
Doch dort, wo die Autos stehen gibt es keine Reaktion und ich habe sie irgendwie auch nicht wirklich erwartet.
Aber ich schreie, versuche mich aus den Fängen der Männer zu befreien. Trete und schlage um mich. Dem einen kommen nun die anderen zur Hilfe, sie versuchen mir die Tasche vom Körper zu reißen. Acht sind es an der Zahl. Ich klammer mich, wie verrückt, an meine Tasche, als hinge davon mein Leben ab, drücke sie an meinen Körper.
Da hält man mir auch schon den Mund zu, hör auf zu schreien, dann passiert dir nichts. Von allen Seiten spüre ich Hände auf meinem Körper. Zwei davon wollen mir den Rock hochschieben, berühren schon meinen nackten Oberschenkel. Ein anderer reißt an meinem T-Shirt.
Was geht einem da durch den Kopf? Lass es aufhören. Lass es ein Traum sein. Wehr dich nicht, sonst wird es schlimmer. Es ist doch schon die schlimmste Erfahrung deines Lebens. Was werden sie machen? Panik.
Aber ich höre nicht auf, mich zu wehren, ich halte nicht still. Ich gebe meine Sachen nicht her, ich lasse d a s nicht mir machen. Das nicht.
Ganz in der Nähe höre ich plötzlich jemanden von der Innenseite eines Hauses gegen ein Metalltor hämmern. Lärm.
Dann spüre ich ein Messer an meinem Rücken. Wie es den Riemen meiner Tasche durchschneidet, um sie mir doch endlich zu entwenden. Mein Körper wehrt sich, mein Verstand wehrt sich, automatisch. Nein. Ihr werdet es nicht schaffen.
Aus einem anderen Haus kommt nun ein privater Wachmann heraus, mit seinem Gewehr. Als die Männer ihn sehen, beginnen sie in alle Richtungen auseinander zu bersten und rennen. Einer reißt noch immer an meiner Tasche, aber ich bin stärker und halte sie immer noch fest.
Sie rennen. Verschwinden in der Dunkelheit.
Und ich stehe einfach so da. Auf der Straße. Mein T-Shirt hängt mir auf einer Seite herunter, die Schulter ist frei. Mein Rock bedeckt meinen Po nicht mehr. Die Tasche, mit ihrem durchgeschnittenen Riemen in der Hand. Es ist ganz still.
Für 20 Cordoba, 80 Cent, für mein Handy und für meine Kreditkarte habe ich gekämpft. Ersetzbar. Und für meine Würde und Unversehrtheit als Frau. Meine Füße bewegen sich in die Richtung meines Schutzengels. Erst jetzt fange ich an zu weinen. Ich bleibe bei dem Wachmann stehen. Er versucht mich zu beruhigen, ist entsetzt. Ich bin vor zwei Minuten ins Haus gegangen, davor saß ich die ganze Zeit auf der Straße. Aber es ist nichts passiert. Und nun? Nun das, es tut mir so Leid.
Ich beruhige ihn, es sei ja nicht seine Schuld. Ich fluche laut. Verfluche die Männer. Was ich alleine auf der Straße mache. Ob ich jemanden erkannt habe. Er ist genauso hilflos, fasst mir vorichtig an die Schulter.
Das Metalltor hat sich inzwischen auch geöffnet, ein Mann auf der Straße sucht die Geflüchteten.
Nein, sie brauchen mich nicht begleiten, ich muss nur da zu den Autos, nicht weit. Da sind meine Freunde. Er begleitet mich trotzdem.
Meine nicaraguanischen Freunde schauen mich verwundert an.
Die restliche Nacht weine ich. Ich habe Freunde um mich, ich werde in den Arm genommen, getröstet. Getadelt, wie ich auf so eine rörichte Idee komme.
Das ist jetzt zwei Wochen her. Ich reagiere mit Zorn auf alle Sprüche von Männern, sollen die doch bloß ihre Klappe halten. Nachts bin ich nicht mehr alleine unterwegs, meide einsame Straßen und habe Angst vor Gruppen mit Männern. Das ist auch gut, als Schutzmechanismus. Ich bin nicht paranoid, nicht übervorsichtig und auch nicht eingeschüchtert und enttäuscht von Nicaragua.
Ich muss auch nicht jeden Tag daran denken und wenn ich es jemandem erzählen musste, habe ich auch nicht mehr angefangen zu weinen. Ich habe es meiner Gruppe hier erzählt, um sie zu warnen, damit sie sich vorsichtiger Verhalten. Damit wir nicht vergessen, dass so etwas passieren kann, dass wir nicht blind durch die Straße laufen sollten. Mittlerweile kann ich gar darüber lächeln, über meine Naivität und meinen Dickkopf, ach mir kann eh nichts passieren.
Was wurde mir beigebracht: die Sachen herzugeben, nicht die große Heldin zu spielen, damit es nicht zu Gewalt kommt. Das ist ordentlich schief gegangen, aber es hätte meines Erachtens auch nichts gebracht, denn ihre Absicht war nicht nur meine Tasche zu klauen, sondern mich zu vergewaltigen. Sie sitzen vielleicht nicht in dieser Straßenecke rum, um genau darauf zu warten, denn sie haben sehr langsam gehandelt, was mir geholfen hat, mich zu wehren, zu schreien. Aber die Gelegenheit haben sie versucht wahrzunehmen.
Das passiert auch nicht nur Ausländern, ganz im Gegenteil, mein Gastbruder ist auch bereits ausgeraubt worden und man hat ihm Schuhe und Jeans geklaut. Alles hat hier einen Wert.
Es geht mir gut. Meine Mutter, beide, sowohl Mama-Nica als auch echte Mama waren entsetzt, zornig. Die zweite hätte mich so gerne in den Arm genommen, das hat dann die andere gemacht. Beide vertrauen mir aber trotzdem und lassen mich meiner Wege gehen, was bestimmt auch nicht so einfach ist. Vor allem, meine Gastmama, die die Verantwortung für mich hat.
Passt auf euch auf, überall! Nicht bloß in den bösen Entwicklungsländern. Ich habe diese Erfahrung gebraucht, um nun wieder vorsichtiger zu handeln. Bedachter. Ich wünsche es keinem.
Aber das Leben hier geht weiter und ich bin froh über diese Chance und ich liebe mein Leben hier!