Ich habe seit einigen Jahren, obwohl ich meine Konfirmation gefeiert habe, sehr wenig mit dem evangelischem Glauben am Hut. Und auch nicht mit dem katholischen, oder dem jüdischen Glauben, dem muslimischen, dem hinduistischen oder mit anderen kleinen Glaubensgemeinschaften.Und das esotherische ist mir auch nicht näher.
Dennoch habe ich ein Grundwissen,was mir für Gespräche über diese Themen hilfreich ist.
Aber ich gehe nicht regelmäßig zu Gottesdiensten, oder lese jeden Tag fleißig das heilige Buch der jeweiligen Gemeinschaft.
Es war ja auch in den vergangenen Jahren Trend, Harry Potter zu verteufeln, im Namen Gottes Kriege zu führen und ganze Religionen dafür zu verurteilen, Menschen den Gebrauch von Kondomen zu verbieten oder im weiteren Sinne Geburtenplanung zu verbieten, weil das der natürlichen Fortpflanzung nach Gottes Vorstellung widerspricht. Oder krasse christliche Abspaltungen, wie die Kreationisten auf die ich erst gar nicht weiter eingehen möchte (…) und so weiter und so fort.
Der DaVinci- Code, Assassini, Sakrileg, Die Versuchung des Padre Armaro. Kinofilme, über die Machenschaften der Kirche.
Genauso gab es Diskussionen über die Legalisierung Scientologys als Kirche und über Vorbilder aus Hollywood, die zu Scientology gehören. Schule, mit Kopftuch oder ohne? Religionsunterricht als Pflicht. Es gibt auch noch einige Gründe aus der Geschichte der Kirche, die einen vom Glauben abfallen lassen. (Es mag auch genauso viele geben, die genau das Gegenteil bewirken.)
Ich möchte damit keinen verurteilen. Das waren meine persönlichen Gründe, warum ich lieber nicht zu viel über die Kirche nachgedacht habe.
Darüber hinaus habe ich fünf Jahre viele heitere und lehrreiche Stunden im Philosophieunterricht verbracht, ja habe sogar mein Abitur in Philosophie gemacht.Glaube und Philosophie schließen sich nicht aus, in der Schullaufbahn aber doch. Philosophieren (lernen) statt Religionsunterricht, praktische Philosophie und dann Philosophie bei einem sehr beeindruckenden Lehrer, dessen Worte noch nachwirken und der auch zu den Personen gehört, von denen ich später berichten werde (→ Personen, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen).
Also, liebe Freunde in Alemania, speziell Franziska und Dominik, die wissen, wovon ich spreche, lacht mich nicht aus, erklärt mich nicht für verrückt, lest weiter. Auch die liebe Lea, die hier in Nicaragua ist.
(Einleitung Ende)
Am letzten Wochenende bin ich spontan nach Managua gefahren. Durch Fehlkommunikation ist mir der eigentliche Sinn dieser Reise verschlossen geblieben. Ich wusste wohl, dass es zu einem Seminario für Priester gehen würde:
„Seminar, aha, also wie eine Fortbildung für Priester. Na, warum nicht. Ich hab ja nichts sonst nichts an einem Sonntag zu tun.“
→ In diesem Moment war ich mir noch nicht der anderen Bedeutung dieses Wortes bewusst.
Gott sei Dank. Sonst hätte ich die Reise wohl nicht unternommen. Ich komme in Managua an, alleine. Auf der Reise habe ich zwei Männer aus Guadalupe kennen gelernt, die hier in Nicaragua big business machen wollen, die mich dann am Liebsten mit in ihr Hotel genommen hätten, weil ich so verloren gewirkt habe, wie ein abtrünniges Schäfchen. Mein Abholservice hat aber auch nur 15 Minuten auf sich warten lassen. Ein großer Mann, mit einer tiefen Stimme, in sich ruhend, charismatisch, Padre, katholischer Priester. Wir unterhalten uns angeregt, er spricht sehr wohlüberlegt. Er zeigt mir kurz Managua, „Herzlich willkommenin Nicaragua, Laura. Es freut mich sehr, dich kennenzulernen.“, fährt noch einmal zu dem Hafen „Salvador Allende“, an dem ich schon an meinem ersten Nicaragua-Tag war. Diesmal ist es aber Sonntag, d.h., viele viele Menschen, Musik, spielende Kinder, brechend voll, wir zahlen sogar Eintritt, um uns das Treiben kurz anzuschauen bzw. damit mir es der Padre zeigen kann.
Während ich über den See schaue, sehe ich nur einige bedrohliche, dunkelgraue Wolken auf uns zurasen. (Thema Geschwindigkeit: Nicht nur das Leben, was hier schneller ist. Nein, auch die Wolken sind hier schneller).
Ich erwähne noch, „ah, es wird gleich bestimmt ganz schön regnen, dort hinten in Managua hat es schon angefangen“. Das bleibt unkommentiert von den anderen.
Ungewöhnlich intensiv nehme ich den Lärm der Freizeitoase war, die kreischenden Vögel, der Wind weht durch meine Haare und der Duft des nahenden Regens liegt in meiner Nase. Keine zwei Minuten später öffnet der Himmel seine Tore, die Nicaraguaner flüchten sich an einen trockenen Ort, Sinnflut. Wir aber verweilen noch ein wenig am See. Der Padre entschuldigt sich für den Regen, wie schade es sei, dass Managua mich so empfange. Ich, ganz im Gegenteil dazu, genieße diese Minuten umso mehr, in Richtung Estelí hängt ein Regenbogen in der Luft, frischerer Wind zieht auf, der warme Regen prasselt auf uns nieder. Wie glücklich einen doch solche einfachen und doch besonderen Momente machen können. Und wie schade es auch ist, dass man nicht immer in der Lage ist, solche Momente zu genießen.
Auf der Weiterfahrt in das Gespräch vertieft, bekomme ich nur aus den Augenwinkeln mit, dass wir durch ein Tor fahren, in einen eingezäunten Bereich irgendwo in Managua, nahe einem sehr armen, heruntergekommenen Barrio. Eine kleine Grüne Oase inmitten von hässlichen Straßen, viel Lärm und Verkehr und einer drückenden Hitze. „Da sind wir. Willkommen im Seminario!“ Ein riesiger Baum beherrscht das Bild. Eine Kirche auf der rechten Seite, ein gartenartiger Innenhof mit einem Springbrunnen und Bänkchen, umgeben von einem schulartigen Gebäudekomplex, ein Veranstaltungssaal, wo schon fleißig aufgebaut wird.
„Da sind wir, das Priesterseminario von Managua, hier werden derzeit 120 junge Männer zu Priestern ausgebildet. Sie leben und studieren hier.“
Stutzig werde ich erst, als der Padre mir sagt, er würde mich zuerst ein wenig herumführen und mir dann mein Zimmer zeigen. In meinem Kopf fing es bei diesen Worten an zu rattern.
Was habe ich da wohl nicht richtig verstanden, als wir vorhin telefoniert haben? Vielleicht wäre es doch besser, ab und zu nachzufragen, wenn man Ausführungen in Spanisch nicht richtig verstanden hat.
Ich habe natürlich auch keine Schlaf- oder Wechselsachen dabei.
Naja, wenigstens ist mein Zimmer schön, groß, sperrlich eingerichtet, dafür aber ein Moskitonetz, ein eigenes Bad.
In der unteren Etage, dort wo keine Priesterschüler untergebracht sind. Mit dem Inhalt meiner Umhängetasche richte ich mich ein.
„Ich habe dir gesagt, dass wir hier bleiben, das würde sich doch anders gar nicht lohnen. Da hast du mir wohl mal wieder nicht zugehört. Haha. Wie unfreiwillig witzig du bist Laura.“
Nun macht auch der Name Seminario Sinn: eine Priesterschule. Da habe ich dann wohl wieder etwas dazugelernt.
„Die einzigen Frauen, die hier arbeiten, sind die fünf Köchinnen, um 18 Uhr verlassen aber auch sie das Gelände und gehen nach Hause“ → Ach, ich bin auch noch die einzige Frau hier?
Nach Besichtigung des Baseball-, Fußball und Basketballfeldes und einem olympischen Schwimmbecken werde ich für einige Minuten in meinem Zimmer alleine gelassen, damit ich mich ausruhen kann. „Um 18 Uhr beginnt die Messe, bis gleich, Laura!“
Das Ausruhen gestaltes sich als schwierig, in meinem Kopf hämmert es, also setze ich mich nach draußen, die verlorene Tochter wird zwangsläufig dazu gezwungen, sich auf Kirche und Religion zu besinnen.
Alle Schüler und auch die Priester begegnen mir sehr respektvoll, aber doch besonders neugierig: eine Frau hier? Und dann auch noch eine Ausländerin? Was mag das bedeuten?
Es gibt extra ausgewiesene Gästezimmer, die Frage ist, wie viele Gäste sich hier durchschnittlich in einem Jahr aufhalten.
Immerhin: Ich habe selten soviel über mich selbst gelacht, wie an diesem Tag, ob der urkomischen Situation.
Aber was ich ja bereits bis jetzt gelernt habe, ist, nichts passiert einfach nur so, alles hat einen Sinn, oder besser gesagt, ich kann aus allem eine Lehre ziehen, wenn ich dazu bereit bin. Nichts da Schicksal und ich kann eh nichts beeinflussen. Ich bestimme den Weg und die Richtung und die Abbiegungen, die ich nehme, wenn ich dafür arbeite.
Um 18 Uhr gehen wir also zu der heiligen Messe. Die Kirche wird mit Weihrauch gesegnet, die Stimmung ist feierlich. Wir nehmen in der letzten Reihe Platz, ich will es ja nicht gleich übertreiben, außerdem habe ich so noch einen Fluchtweg.
Kirchliche Gesänge von einer besonderen Klarheit und mir fremdem Klang erfüllen den Raum. (Nicht so wunderschön, wie die unserer Nachbarkirchen, die irgendwann noch einen Hörsturz herbeiführen werden)
Einige Lieder erzeugen bei mir eine Gänsehaut. Andächtig höre ich der Predigt des Compadre zu. Auch hier verstehe ich nicht jedes Wort, aber zumindest den Sinn. Der Padre hatte bereits auf der Autofahrt einige kritische Worte über die Regierung fallen lassen, der Comprade macht dies nun in der Predigt. Kirche und Politik. Nicaragua und die Vergangenheit. Nicaragua im Hier und Jetzt.
Es gibt nur einige wenige Menschen, die einen nachhaltig faszinieren und zum Nachdenken anregen, die einen mit ihrer ganzen Persönlichkeit in ihren Bann ziehen. In diesen 1 ½ Tagen habe ich gleich zwei von diesen besonderen Menschen kennen gelernt. Beide leben in einer für mich völlig fremden Welt, die ich bis dato auch nicht mehr sonderlich geschätzt habe. Warum sie mich beeindruckt haben? Der Compadre, weil er seit 40 Jahren in Nicaragua lebt und seine politischen Ideale, seine Werte nicht abgelegt hat. Weil er in der Revolution gegen Somoza und die Guardia Civil gekämpft hat. Weil er der katholischen Kirche und vor allem der Führungsriege deswegen ein Dorn im Auge ist, weil er seine Meinung trotzdem weiterhin öffentlich vertritt und gegen den Strom und die offizielle Linie schwimmt. Er arbeitet in einer kleinen Gemeinde, dort, wo er nicht viel stört und Unheil anrichten kann, laut anderen, die ihn kennen.. Außerdem werde er als Missionar eingesetzt, wenn die katholische Kirche an Einfluss verliert. Das ist in Nicaragua überall zu erkennen, das einstige Monopol wird zusehend von den evangelikalen Kirchen zersetzt.
Der andere Mensch ist der Padre aus meiner Stadt, der mich abgeholt hat und mich eingewiesen hat. Er unterrichtet nun als Lehrer in diesem Internat.
Weil auch er in einer Welt, die zunehmend an Idealen verliert und die Menschen resignieren, politisch geblieben ist und daran glaubt, etwas verändern zu können. Weil auch er seine Mitte gefunden hat und deswegen Sicherheit austrahlt, Kraft und inneren Frieden.
Auch er spricht ohne Scheu das aus, was er denkt. Ich habe mich durch eine Kritik seinerseits nicht angegriffen gefühlt, ich habe sie angenommen. Das ist schon ein großer Schritt für mich.
Weil er nicht über sich redet und redet und redet, sondern weil er zuhört und Fragen stellt, weil er interessiert ist und einem helfen möchte, seinen Standpunkt zu überdenken oder seine Position zu stärken.
Beide haben ihre Lebensaufgabe gefunden und widmen sich dieser mit ganzem Herzen. Das, was ich noch suche.
Weil ich Kirche mit einem Freiheitsverlust verbinde, habe ich auch dieses Internat als Gefängnis und seine Schüler eher als Gefangene betrachtet. Doch selbst hier sprechen die Dozenten davon, dass sie sich langsam öffenen müssen und werden, um Schritt zu halten, Tradition und Stränge sind längst überholt. Es herrscht ein Handyverbot, aus den Blicken der Schüler auf meine Frage, ob das denn auch wirklich eingehalten werde, konnte ich die Antwort herauslesen und diese Frage im Stillen mit nein beantworten.
So haben beide ihren Teil dazu geleistet, dass ich die Kirche und den Glauben in einem anderen Licht sehen könnte oder zumindest meinen Standpunkt überdenken werde. Weil sie keine starren Dogmen predigen, sondern Freiheit und Unabhängigkeit, Liebe und Integrität für den Nächsten fordern und eine Zuversicht, eine Hoffnung austrahlen, die einen einnimmt.
Meine Gastfamilie sprach von der geläuterten Laura und haben mich belächelt. Ich mich selbst auch ein wenig.
Das Tag in Managua war ein Tag voll erzwungener Spiritualität, ich bin da unfreiwillig hereingerutscht und doch sehr dankbar. Ich werde nun nicht jeden Tag zum Gottesdienst gehen und ich werde auch nicht Nonne von Beruf. Aber ich bin auf Sinnsuche.
In Deutschland ist es sehr unüblich, dass man nach seinem Glauben gefragt wird. Hier passiert das im Taxi, auf der Straße, auf der Arbeit, es gibt immer irgendeinen Moment, in dem einen fremde Menschen so etwas doch ziemlich persönliches fragen. Zu sagen, dass man evangelisch ist, hilft da nicht viel, denn das gibt es hier nicht, hier gibt es erst einmal die Katholiken und dann die Evangelikalen. Mein Haus ist von einigen Kirchen umgeben, wie ich schon erwähnt habe. In der Nähe gibt es sogar eine vermeintlich christliche Kirche, in denen alle Frauen ihre Haare verschleiern.
Heiden gibt es hier nicht. Jeder glaubt an etwas und jeder muss an etwas glauben, sonst erntet man sehr schiefe Blicke. Mein Onkel würde sich hier also in eine ganz schöne Bedrängnis begeben. ;) Nicht wahr?
Doch die Padres, die ich in Managua kennen gelernt habe, habe mich als Lutherana eingeordnet. Luther ist also ein Begriff und in Nicaragua ist auch die Ökumene ein Begriff, zumindest unter gebildeten, meine beiden Padres wissen Bescheid.
Heidin bin ich also nicht. Ich weiß, dass auch ich an etwas glaube, ich weiß nur noch nicht, an was ich glaube und was ich glauben möchte.
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ich glaub jedenfalls an dich. (ich schleimi)
AntwortenLöschenvermiss dich.
Ich glaub auch an dich und stelle fest, du hast nicht nur das Michaela Blut in dir beim Tanzen......auch die Suche nach dem Sinn, der Glaube an sich, ohne den Glauben einer Religion zuzuordnen.....das kommt mir ziemlich bekannt vor. Alles hat seinen Sinn...
AntwortenLöschenJeder findet seinen Weg...ob nun freiwillig oder nicht! Ich denk an dich.
AntwortenLöschen<3