Samstag, 6. November 2010

10. August - 06. November

In der Nacht zum Montag habe ich Tränen geweint und mein Herz zerriss.
Wie absurd kann ein Abschied sein?
Wir sprechen immer gerne von ungewisser Zukunft, um die Tragik noch ein wenig zu erhöhen.

Bis jetzt gab es aber wirklich keinen tragischeren und zugleich urkomischeren Moment, ergo Abschied, in meinem Leben.

Ungewöhnlich gefasst bin ich ihm entgegen getreten.
Wie die ganzen Menschen da vor dem Welthaus in Estelí standen. Retrospektive: So war es auch vor einem Jahr am Düsseldorfer Flughafen.

Ich würde behaupten, dass der Abschied von Nicaragua tragischer und tränenreicher war, denn in Deutschland wussten alle, wir würden auch in einem Jahr wiederkommen.
Für die in Nicaragua zurückgebliebenen Gastfamilien, PartnerInnen und FreundInnen ist ein Wiedersehen erst einmal in ungewisse Zukunft verschoben.
Früh morgens, ich habe die Nacht nicht geschlafen, ich war zwar in meinem Haus, (oder besser meinem Haus auf Zeit?), aber auch irgendwie nicht ganz da.
Die letzten Sachen wurden immer noch in meinen Koffer gestopft, meine Gastschwester und auch meine sonst sehr gefasste Gastmutter brachen ständig in Tränen aus.

An dem Abend war ich doch noch einmal schnell bei meiner Tanzgruppe, noch schnell bei meinen „Schwiegereltern“, mal eben noch zu meinen spanischen Freundinnen, auf der Arbeit.
Kann jemand bitte die Welt anhalten?

Nein...

Jetzt bin ich also in Berlin.
Ich sitze in meinem Zimmer, umrahmt von einer Nicaragua- Flagge, meiner Fahne der nicaraguanischen Frauen- Bewegung, Bildern und Karten.
In diesem Zimmer erinnert vieles, wenn nicht sogar das meiste, an mein Nicaragua- Jahr.
Draußen regnet es viel, auch das erinnert ein wenig an Nicaragua.
Leider verlieren die Bäume ihre Blätter und es wird zusehends kahl.
Aus meinem Internetradio tönt Radio Nica (ein Radiosender aus meinem Estelí), frisch entdeckt, vor ungefähr 10 Minuten.
Jetzt fehlt nur noch der Flug, den ich mit einigen Freundinnen schleunigst für nächstes Jahr buchen will. Dann lassen sich Referate und Hausarbeiten besser ertragen.

Jetzt bin ich aber erst einmal abgelenkt.
Studieren. Und sowas.

Vater und Mutter haben mich hier in meiner neuen Wahlheimat Berlin besucht.
Dank sozialer Netzwerke bin ich mit Nicaragua, Recklinghausen und dem Rest der Welt verbunden.

Das letzte Wochenende war ich mit einer anderen Freiwilligen tanzen. Im Club meines Vertrauens: Das Havanna in Berlin Schöneberg. Lateinamerika pur. Salsa. Bachata. Merengue. Usw.
Als dann Yo no sé mañana von Luis Enrique, dem neuen, international bekannten nicaraguanischem Künster (der Salsa- King, wie er so gerne bezeichnet wird) hörte, hätte ich am liebsten geweint.

Politik und Spanisch ist es geworden. An der Freien Universität Berlin. Und es macht erstaunlich viel Spaß.
In der dritten Sitzung meines „Das Konzept der Zivilgesellschaft“- Seminars erkannte mein Dozent eines bereits sehr richtig: „In der letzten Sitzung haben wir ja bereits sehr schön diskutiert und ich hoffe, dass unsere Lateinamerika- Expertin sich auch zukünftig viel beteiligt. Das war ja schon sehr interessant.“
Da hat er mich bereits richtig eingeschätzt, und ich kann auch, entgegengesetzt meiner Erwartungen, meine eigenen Schwerpunkte setzen.
In meinem „Internationale Beziehungen“- Seminar werde ich über Menschenrechte und Nichtregierungsorganisationen referieren.
In Spanisch- Sprachpraxis meinte mein Dozent in der ersten Stunde zu mir: „Ach, du bist Laura, die mit den Frauen in Nicaragua gearbeitet hat.“ Ja- die bin ich.

Und ich bin so unfassbar froh und dankbar, dass ich diese Chance hatte.

Montag, 12. Juli 2010

Zwischen den Welten tanzen

Was ist das eigentlich- soziale Ungerechtigkeit? Mittelschicht und Unterschicht? Entwicklungsland?

Diese Begriffe sind festgeschrieben. Definitionen, festgelegt von Sozialwissenschaftlern. Ermittelt werden sie anhand von Durchschnittswerten, durchschnittl. Einkommen, der Verfügbarkeit und Verteilung von Gütern, Arbeit haben und arbeitslos sein, der Entwicklungsstandard im Land, Ökonomie, aber auch das öffentliche System von Gesundheit und Bildung etc.

Manchmal fühle ich mich, als wäre ich nicht im Entwicklungsland Nicaragua. Ganz im Gegenteil. Ich denke nicht an Armut und Ungerechtigkeit, an fehlenden Fortschritt und fehlende Hoffnung.
Nicht, weil ich meine Augen vor der Realität verschließe, sondern weil ich zwischen den Welten hüpfe, zwischen Arm und Reich, Gut und Böse, Europa und Zentralamerika.

Das ermöglicht mir mein Privileg als deutsche Freiwillige in einem Entwicklungsland wie Nicaragua. Harte Worte. Aber so ist es doch. Das mögen vor allem die anderen Freiwilligen nachvollziehen.

Morgens gehe ich zur Arbeit und fahre in die Gemeinden und Dörfer und arbeite mit Frauen, deren Durchschnittseinkommen bei unter 50 US $ liegt und die durchschnittlich 6 Kinder haben und deren Mann durchschnittlich mindestens eine andere Frau als Geliebte hat (wir sprechen da von 90 % der Fälle).

Abends komme ich in mein Haus einer gehobenen Mittelklasse- Familie. Einer, der drei Fernseher läuft mindestens, mein Essen wird in der Mikrowelle bereitgehalten und irgendjemand surft gerade im Internet, wireless versteht sich.

An Wochenenden gehe ich dann tanzen: in die Cigars Zone. „Die beste Diskothek Lateinamerikas.“ Luxuriös. Chic. Teuer. Elegant. Edel. So auch die meisten Besucher, mit der Zigarre zwischen den Zähnen, einen Cocktail schlürfend, Hemdchen und Kleidchen an. Donnerstags ist der Eintritt frei für die Damen. Ansonsten kostet der Eintritt 4 €. In Deutschland kostet eine solche Diskothek 15 € Eintritt. Cocktails 2,50 €, Deutschland 6 – 8 €.

Vergangenen Samstag waren wir in der Stadt, einkaufen, meine Freundin stellt sarkastisch und zugleich betrübt fest: „Ich brauchte neue Kleidung und habe gerade den halben Monatslohn meiner Haushälterin ausgegeben.“ Dabei haben wir nur gebrauchte Kleidungsstücke gekauft, für 4-5 €. Ware, die aus den USA kommt. Gebrauchte Markenkleidung.
Was ist das, verglichen mit H&M, eine Bluse für 29,95 €?! Nebenbei sei anzumerken, dass ich mir in Nicaragua H&M- Kleidung kaufe. Gute Stücke, fast unbenutzt, wie neu. Ein Kleid für 3 €, dass früher 35 € gekostet hat.
Einmal die Woche gehen wir essen, in einer Kneipe, beliebt auch bei Nicaraguanern, trinken einen großen Yoghurt- Shake mit Mandeln für 1 € und einen leckeren, riesigen Salat mit Oliven, Champignons(aus der Dose) und Gorgonzola- Käse für 3€.

Pervers.
Pervers?!

Pervers sind nicht die Preisunterschiede. Nicaragua hat ein anderes Lohnniveau, für uns „ist alles günstiger“. Das ist klar. Aber auch meine nicaraguanischen Freunde leben mein Leben, meine Familie lebt mein Leben. Mein Leben ist nicht dekadent, wenn das jetzt einige meinen. Aber ich lebe gut.
Pervers ist, dass ich morgens arbeite und die Armut sehe und spüre, wenn ich mit meinen Frauen spreche, über ihre Probleme rede und weiß, wie sie leben und dann abends das Büro verlasse und mein Leben lebe.

Dann gehe ich zuerst zum Tanzen, um nicht mehr nachzudenken, abzuschalten. Aber auch das ist schon ein Luxus. 60 Cordoba die Woche, 2,50 € für eine Woche Tanzen.
Um nicht über meine Freundinnen aus Los Llanos- eine kleine Gemeinde aus den Bergen, ohne Disko, ohne Telefonnetz, ohne Internet, wo fast täglich der Strom ausfällt- nachzudenken, die mit ihren 20 Jahren bereits 2 Kinder haben, ihren Mann verlassen haben, weil er sie betrügt und jetzt versuchen, weiter zu studieren.

Das Problem auch hier ist, die krasse Schere zwischen Arm und Reich. Dafür brauche ich nicht auf die Straße gehen, es reicht als anschauliches Beispiel mein Haus.
Ich habe meine Haushälterin. Sie versorgt 3 Familienmitglieder. Mich, meine Gastmutter und meine Gastschwester.

Sie arbeitet mehr als 8 Stunden täglich. Sie steht vor 6 Uhr auf, wischt das Haus, dass offen ist, demnach viel Staub und Dreck. Sie bewässert den Garten. Sie bereitet das Frühstück vor, jeder mit seinen Extrawünschen. Sie fängt an, Wäsche zu waschen, mit der Hand. Sie räumt die Zimmer auf. Sie putzt wieder, weil indes der Hund alles dreckig gemacht hat, diesen Hund versorgt sie übrigens auch. Sie bereitet das Mittagessen vor. Sie bügelt. Sie bedient uns. „Rosita hier, Rosita dort“. Sie bereitet das Abendessen vor. Sie muss mit Einkaufen gehen. Dann mal schnell den Kühlschrank putzen. Dann schaut sie ihre Telenovela am Abend und geht schlafen. Um 9 Uhr.
Sie ist immer als letzte.
Das macht sie sechs Tage die Woche. Einen Tag hat sie frei. Sonntags geht sie in die Kirche. Ansonsten verbringt sie sechs Tage lang, 24 Stunden, ihr Leben im Haus. Sie schläft bei uns.
Wenn sie nicht gerade mal auf die Straße geht, um den Müll rauszubringen oder Brot an der nächsten Ecke zu kaufen.

Sie verdient 100 $ im Monat.
Sie hat 7 Kinder zu ernähren. Die wohnen alle in einer kleinen Gemeinde, eine Stunde von Estelí entfernt, eine arme Gemeinde. Ein Kind studiert samstags in Estelí. Einer ihrer Söhne war bereits im Gefängnis, angeblich unschuldig, er ist 20. Der andere Sohn ist geistig etwas zurückgeblieben und hat eine Klasse bereits 3 Mal wiederholt. Die älteste Tochter ist bereits Mutter, 19 Jahre alt.
Ihre Kinder sieht sie alle 2 Wochen für gut 2 Tage. Die Kinder leben alleine, in einem Haus, dass ihr eine internationale Organisation gebaut hat, von dem Geld, was sie ihnen zuschickt.

Rosita ist 37 Jahre alt. Sie hat die Grundschule abgeschlossen. Sie ist frech und selbstbewusst und lebt ein typisches nicaraguanisches Leben. Sie hat bereits im bekannten Ferienort San Juan del Sur gearbeitet, als Köchin in einem Hotel, auch schon in Costa Rica als Hausangestellte oder Managua.
Sie hat jetzt gekündigt, weil sie nach Managua möchte, dort verdiene sie mehr Geld. 200 $ vielleicht. Dort stelle man ihr hygienische Produkte ebenfalls zur Verfügung, hier muss sie sich ihre Seife und Zahnpasta selbst kaufen und sie könne abends um 18 Uhr, manchmal um 17 Uhr Schluss machen und hätte Freizeit.
Das macht sie aber auch nur vorübergehend, damit sie nach Costa Rica gehen kann und dort besser verdient.

Meine Rolle ist dabei, dass Rosita für mich kein Frühstück zubereitet, dass ich sie nicht ständig für jede Kleinigkeit rufe, dass sie mir nicht mein Trinken eingießt und mir mein Essen serviert, dass sie mein Zimmer nicht saubermacht, dass sie meine Wäsche wäscht, ich ihr aber extra dafür Geld gebe und dass sie alle meine Geheimnisse kennt und ich die ihren.
Ich kenne ihre Romanzen, sie kennt meine. Sie weiß, dass wenn ich morgens um 6 Uhr das Haus betrete, dass ich bei meinem Freund geschlafen habe. Sie bereitet mir gerne etwas besonderes leckeres zu, weil ich ihr zwischendurch etwas leckeres aus der Bäckerei mitbringe.
Sie schätzt, dass ich sie nicht rumkommandiere und wünscht mir, dass ich ein schönes Leben führe, studiere, eine Familie gründe.
Wir diskutieren über politische Themen, sie fragt mich, wie das mit den Männern denn in Deutschland so ist, sie möchte mehr über mein Leben wissen und freut sich, wenn ich ihr von meiner Familie erzähle und ist glücklich, wenn ich ihr zuhöre. Sie ist abergläubisch, ich bin Atheistin.

Bereits jetzt mit meinen 20 Jahren mache ich all das, was sie niemals machen wird. Ich habe mein Abitur, gehe bald studieren und habe noch keine Kinder. Ich reise und bin nun in Nicaragua, um einen Freiwilligendienst zu machen.

Ich werde aber auch zurückkehren, in meine Heimat, ganz bald, zu meiner Familie, der ich so viel zu verdanken habe.
Sie verlässt ihre Heimat, um ihren Kindern ein etwas besseres Leben zu ermöglichen. Ganz ohne Hilfe.

Ein schlechtes Gewissen habe ich nicht, denn ich verhalte mich moralisch korrekt. Ich verschließe die Augen nicht vor der Realität und helfe dort, wo ich kann.
Was mich beeindruckt, ist die Kraft und der Willen von Rosita: „ Ich bettle nicht um Hilfe und auch nicht um Geld, ich arbeite lieber hart. Wenn man mir etwas schenkt, nehme ich das an. Ich gebe nicht auf!“
Was mir übrig bleibt, ist, Rosita zu animieren. Rosita kocht göttlich, Rosita hat Talent, wenn auch sie lieber wäscht und putzt als kocht. Wie es denn mit einem kleinen Imbiss wäre? Im Projekt Miriam können Frauen gratis ihre Schulbildung nachholen. Das wäre notwendig und würde ihr neue Möglichkeiten eröffnen.

Das wäre ein Schritt in eine bessere Zukunft.

Donnerstag, 8. Juli 2010

Sprache öffnet Herzen und Türen

Schulspanisch, das ist so eine Mischung aus Castellano und Deutsch.
Im Schulunterricht geht es vor allem um Grammatik und Wortschatz. Analysieren von literarischen und Sachtexten.Untersuchung auf Stilmittel, Intention des Autors. Danach selbstständig Stellung beziehen. Das waren typische Aufgaben aus den Klausuren.
Themen: Lateinamerika, Geschichte und heute. Migration Afrika → Spanien, Mexiko → USA. Jugendkultur Spaniens etc.
Es war immer mein Lieblingsfach.
Ich habe mich auch selbst als gut eingeschätzt, hatte schließlich auch in Costa Rica praktische Spanisch- Erfahung gesammelt, Leistungskurs, Abitur etc.

Ja. In Nicaragua angekommen, wurde man dann auf die Realität hingewiesen.
Castellano ist nicht das, was in Nicaragua, oder in Lateinamerika generell, gesprochen wird.
Hier, in diesem Land, spricht man Nicañol.
Bereits in der Schule hat meine Lehrerin häufiger kritisiert, dass ich mich an das costarricanische Spanisch angepasst habe.
Jetzt würde sie mich höchstwahrscheinlich nicht mehr verstehen, meine Klausuren wären eine Notenstufe schlechter, wegen der nicaraguanischen Wörter.
Während es für meine meine Lehrerin ein Hohn ist, freue ich mich darüber, wenn man mir sagt: „¡Sos Nica!“ → Du bist Nicaraguanerin.

Eine Sprache lernen und sprechen können, ist eben nicht nur Grammatik beherrschen, Verben konjugieren können, Vokabeln kennen und Texte lesen und verstehen.
Man muss auch die landesspezifischen Gestiken und Mimik kennen, Redewendungen, den Unterschied zwischen Jugendsprache und formaler Ausdrucksweise, dann verständigt man sich richtig und ohne Missverständnisse.
Ich spreche mit nicaraguanischem Akzent, genauer gesagt mit dem Akzent aus dem Norden, den Bergen. Wenn man über Personen spricht, deutet man nicht deutsch mit dem Finger auf die Person, sondern deutet mit dem Kopf, Mund und kräuselt die Lippen.
Spricht man über die Größe einer Person, wird nicht die flache Hand als Maß genutzt, sondern die gekrümmten Finger. Die flache Hand ist hier nur für Tiere zu gebrauchen, Achtung!
Hier gibt es kein „tu“, hier ist alles „vos“. Auch die Konjugation ist deswegen vollkommen anders.

Und dann öffnet die Sprache Herzen.
Ich war im März in San Juan del Sur und habe mir in der Apotheke eine Creme für meine Tattoowierung gekauft. Ich bin mit der Apothekerin ins Gespräch gekommen, weil sie mich fragte, was das deutsche Wort auf meinem Rücken heißt, wo ich herkomme und was ich hier in Nicaragua mache. Wir haben ungefähr eine halbe Stunde „gequatscht“. Die ersten Gespräche laufen eigentlich immer auf einige spezielle Fragen hinauf:
„Und gefällt dir Nicaragua?“ Wenn ja, „warum?“
Dann kam ich 5 Monate später wieder, ich stand noch vor der Apotheke und sie sagt: „ Ach das Mädchen aus Estelí.“ Und sie konnte sich auch noch an das Tattoo erinnern.
Dann ist man nicht mehr eine von vielen Ausländern/innen, dann wird man zu einer Person.

Ebenso in den Taxis. Wie häufig habe ich mich erklären müssen. Estelí hat mehr als 200 Taxifahrer.
Ich bin mindestens 400 mal Taxi gefahren. Das heißt, ich habe meinen Stammtaxi-Fahrer, Reynaldo, aber ich fahre auch mit fremden, denen wiederum muss ich dann meine Geschichte erklären. Was ich hier mache. Wie lange. Wie es mir gefällt. Wie mir Nicaragua gefällt. Wie Deutschland ist, etc.
Das kann auch nerven, hilft aber auf der anderen Seite, Menschen kennen zu lernen und das Land.
Gut, ich will nicht die Herzen der Taxifahrer öffnen, aber wenn einer dann mein Freund wird, oder wenn ich mit Menschen auf der Straße ins Gespräch komme, dann habe ich doch mein Ziel erreicht.

Und wenn es also so weit ist, dass man im Bus gefragt wird, „du kommst aber nicht aus Estelí, oder?“; anstatt, wie am Anfang „Aus welchem Land kommst du?“, dann ist die Assimilation geglückt.
Ich bin Nica. Ich bin Estelianerin.

Samstag, 19. Juni 2010

Mein Laurenzo

Ich habe jetzt ein Huhn.
Besser gesagt, einen kleinen Hahn.
Das mit dem Geschlecht war mir aber nicht bewusst, er ist schließlich noch recht klein. Das wurde mir schließlich gestern mitgeteilt.
Emanzipatorisch betrachtet, ist das aber auch gut so. Gleichberechtigung für beide Geschlechter
Es hieß erst Laura, nun heißt es Laurenzo und hat schwarze, beige, graue und braune Federn.
Laurenzo lebt mit anderen Hühnern zusammen, die alle einen Paten haben, der sie für 6 US $ angeschafft hat. Darunter ich. Dafür lebt Laurenzo nun glücklich mit seinen Frauen bei Los Pipitos. Nicht ganz so feministisch ist allerdings, dass Laurenzo ein Pascha mit gleich mehreren Frauen ist.

Los Pipitos ist eine national existierende Schule für Kinder und junge Erwachsene mit Behinderung (siehe frühere Artikel). Neben einer Schreinerei, eines Schulgartens mit tropischen Pflanzen und Bäumen, einer Kerzengießerei, der Schulküche, einer Handarbeits- Werkstatt usw. gibt es nun auch den Hühnerstall wo die Schüler von Los Pipitos lernen und arbeiten.

Außerdem habe ich gestern schöne, bunte, duftende Kerzen gekauft, die die Jugendlichen bei Los Pipitos hergestellt haben und verkaufen.

Mein Hahn Laurenzo sorgt nun zum Einen dafür, dass es Eier gibt, die in der Küche verarbeitet werden, oder aber kleine Küken schlüpfen und zum Anderen, lernen die Kinder und Jugendlichen durch ihn, Verantwortung für ein Tier zu übernehmen, sei es, weil der Stall ausgemistet werden muss, oder aber, weil er Futter braucht.

Ich bin der Meinung, dass Menschen mit Behinderung (hier heißen sie Menschen mit anderen Fähigkeiten, politisch korrekt?) in der Gesellschaft eines Dritte-Welt-Landes eine noch verletzbarere Rolle einnehmen, als Frauen und Kinder.
Für letztere und deren Rechte gibt es viele verschiedene NGO´s, aber Menschen mit Behinderung haben hier nur Los Pipitos und die Hilfe von Privatpersonen, die ihren Rechten Gehör verschaffen und sie in den öffentlichen Raum stellen, sie sichtbar als Teil der Gesellschaft werden lassen. Das haben diese Menschen ihren Eltern zu verdanken, denn Los Pipitos ist eine Elternvereinigung.

Ein Problem gibt es aber dennoch. Wo sind die anderen Menschen mit Behinderung, die an einer sehr schweren körperlichen und geistigen Behinderung leiden?

Wo aber sind die Mädchen, wie meine Schwester mit Rett- Syndrom?
Entweder sie sterben wesentlich früher, weil es keine ausreichende medizinische Versorgung gibt, oder aber, sie befinden sich noch immer in einer unwürdigen Lage. Wegen fehlender Information, weil die Eltern überfordert sind, weil die Familien Angst haben und die Behinderung als eine Strafe Gottes ansehen.

Freitag, 18. Juni 2010

Interkulturelle Kommunikation

Wenn zwei Menschen unterschiedlicher Herkunft aufeinandertreffen und es zu vermeidbaren Problemen oder Missverständnissen kommt, dann liegt das zumeist an fehlender Kompetenz in diesem Metier. „Datt sind halt die kulturellen Unterschiede. Das ist halt die Kultur, sach ich ma.“
Fehlendes Einfühlungsvermögen. Die Fähigkeit, den Blickwinkel zu wechseln, fehlt. Fehlender Feinsinn oder fehlendes Gespür, das Andere im Anderen so anzunehmen und zu verstehen.

Alle sind gleich.
In einem Punkt. Wir sind alle Menschen. Ansonsten totaler Quatsch.

Das Besondere ist, dass wir eben nicht gleich sind, sondern einzigartig, vollkommen verschieden, vom Fingerabdruck bis hin zum Charakter.
Neu ist, dass wir das jetzt akzeptieren. Wir sind nicht gleich. Wir sind anders.

Gestern haben wir deutschen Freiwilligen ein erneutes Seminar zu diesem Thema erhalten.
Das erste in der Vorbereitungszeit in Deutschland war leider zu deutlich pädagogisch angehaucht. Mit Rollenspielen, viel buntem Papier und was-wäre-wenn- Geschichten.

Jetzt, mit 10 Monaten Erfahrung in interkultureller Kommunikation bin ich quasi Fachfrau.
Dachte ich.

Unsere gestrigen Themen haben mich dann eines anderen belehrt:

Zukunftsorientierung vs. Gegenwartsorientierung
Individualismus vs. Kollektivismus
Dissens- Kultur vs. Konsens- Kultur
Kultur mit hohem/ niedrigen Kontext
Egalitäre Strukturen vs. hierarchische Strukturen
Kokosnuss vs. Pfirsich
Kultureller Dialog vs. kulturelle Polarisation

Das hilft. Nicht nur um die nicaraguanische Arbeitswelt zu definieren, was ja doch sehr schwierig ist, wenn man noch nie wirklich im Arbeitsleben stand, geschweige denn in Nicaragua geboren wurde.
Und um sich selbst in das System einzuordnen, selbstkritisch zu sein und zu analysieren. Und das Beste am gestrigen Tag, dass wir eine deutsch- nicaraguanische Gruppe waren, um in den Dialog zu treten und unsere Meinungen auszutauschen, um Vorurteile abzubauen.

Hier geht’s im Folgenden auch um Stereotypen, denn ohne Stereotypen kann man nicht arbeiten.


Ich bin eine Kokusnuss, ich habe eine harte Schale für Außenstehende, bin eher distanziert, diskret. Habe ich aber einmal Vertrauen gefunden, rede ich auch über private Angelegenheiten mit meinen Freunden, es geht um Ehrlichkeit und Offenheit, und darum, dass ich mit Freunden über alles reden kann. Harte Schale, weicher Kern.

Die Nicaraguaner hingegen sind eher Pfirsiche, sie sind sehr herzlich und offen, aber das wirklich Private bleibt auch privat, auch für gute Freunde, weiche Schale, harter Kern.


Ich bin typisch nicaraguanisch, was Kritik betrifft. Ich kann schlecht kritisieren und kann mich auch schlecht kritisieren lassen. Auch wenn Kritik konstruktiv sein soll.
Hier ist häufig alles sehr rosig, alles schön und gut und toll und super. Man möchte den anderen ja nicht verletzen.
Da passe ich gut rein...
...lerne aber gerade in diesem Umfeld, zum ersten Mal, wirklich kritisch zu sein und das auch laut zu äußern, denn nur so kann sich etwas verändern.
Wir Deutschen sind eigentlich viel zu häufig viel zu direkt und überkritisch. Meine Lehrer habe ich immer direkt kritisiert und meine Meinung lautstark geäußert, aber Freunden und Familien so etwas zu sagen, das ist schwieriger für mich.


Nicaragua lebt den Kollektivismus, das stammt vielleicht auch noch aus der Revolution.
„Gemeinsam sind wir stark.“ Kollektiven. Zusammenarbeit. Teamarbeit, es wird von „wir“, statt von „ich“ geredet.
In Deutschland wirst du zu einem Einzelkämpfer, etwas positiver ausgedrückt, zu einem Individuum erzogen. Selbstständigkeit und Unabhängigkeit. Alles ist sehr wettkampf- orientiert. Ob in der Schule, oder in der Uni oder in der Arbeitswelt.
Ich war ein Individualist und werde zu einem Kollektivwesen, dank meiner nicaraguanischen Mitmenschen. In Deutschland brauchen wir häufig einen Grund, um zusammen zu sein, während ich hier einen Grund brauche, um alleine zu sein. In der Arbeit ist es so, Teamarbeit. Alle sind verantwortlich. Alle haben die gleichen Rechten und Pflichten. Es gibt keine Einzelkämpfer.
Das ist angenehm und schafft ein produktiveres Arbeitsumfeld.
Genauso in der nicaraguanischen Familie, teilen, beisammen sein und das genieße ich und werde es mit nach Deutschland nehmen. Natürlich bleibe ich unabhängig und selbstständig und freiheitsliebend, mit einem Hauch Kollektivismus, was Freunde und Familie betrifft.


Deutsch- Leistungskurs- Thema: Kommunikation
Sender und Empfänger. Direkte und indirekte Kommunikation.

Achtung Klischee: Frauen sagen selten, was sie denken. Oder wenn sie etwas sagen, dann meinen sie das Gegenteil. Darin erkenne ich mich komplett wieder.
„Bist du sauer?“ → „Nein, Quatsch. Vielleicht bin ich etwas enttäuscht.“ Oder anders ausgedrückt: „Du Ar***, natürlich bin ich stinkensauer.“
Das kann ich echt gut, nicht das sagen, was ich denke, damit der andere raten darf, was ich meine.

Da bin ich auch echt nicaraguanisch und das hat mich auf eine Idee gebracht.
Ich habe in meiner Arbeit angestoßen, dass wir ein Gesundheits- Forum doch am Besten nach der Durchführung evaluieren sollten. Das wurde dann auch prompt getan, mit den Worten meiner Chefin: „Und Laura hat vorgeschlagen, dass wir das Forum jetzt einmal evaluieren“
Klasse. Da haben sie also schön die Verantwortung auf mich abgewälzt, denn ICH durfte das jetzt alleine machen.

Und da war es dann ganz schön schwer, die überaus chaotische (Fehl-)Organisation vom Morgen kritisch zu bewerten. Ich hätte gedacht, dass wir alle sprechen. Stattdessen habe ich zu einem meiner beliebten Monologe angesetzt und das auch echt gut gemacht, a la Nica und eine Essenz Deutschland, denn kein anderer wollte mir beistehen, geschweige denn Kritik äußern.

„Also, das Thema war total interessant. Es waren sehr viele verschiedene Organisationen und auch staatliche Institutionen dabei. Die beiden Referenten, klasse, total informativ. Und das Essen köstlich. Und auch die Diskussion danach perfekt.“
Achtung! Das habe ich bisher nicht bedacht, das, was jetzt ausgespart wurde, die Organisation, war also grauenhaft. So könnten es die Nicaraguaner machen, alles Positive wird benannt und das was fehlt, war also nicht so gut.
Ich, mit der Prise Deutschland, möchte nun aber konstruktive Kritik äußern.
„Allerdings war die Organisation nicht ganz so gelungen. Wir hätten vielleicht, alle gemeinsam, etwas früher anfangen können, dann hätten wir heute morgen nicht so einen Stress gehabt.“
Sehr diplomatisch, mich miteinbezogen. 100 Punkte.
Wir sind auf einem guten Weg.

Da prallen dann also nicht nur, direkte und indirekte Kommunikations- Strategien, sondern auch Dissens- und Blümchen- Streitkultur aufeinander.
Ich lerne, mich besser in Hyroglyphen auszudrücken, damit mich bloß keiner richtig versteht und gleichzeitig werde ich zum Streit- Talent auf höchster Ebene.

Denn das ist jetzt das Problem. Ich stehe zwischen zwei Kulturen. Ich bin deutsch gepolt, auch wenn ich das nicht wahrhaben möchte und lebe gerade in Nicaragua, Völkerverständigung.


Während in Deutschland viele Arbeitnehmer und -Geber sehr gerne beim „Sie“ bleiben, um noch eine gewisse Distanz zu wahren und somit die Autorität nicht zu gefährden oder um Arbeit von Privatem zu trennen, werden hier die Arbeitskollegen/innen oft mit „Du“ angesprochen, meine Chefin sagt „vos“ zu mir, das ist noch persönlicher als „Du“, das ist die richtige Freundschaftsebene und sie umarmt mich zur Begrüßung.
Das ist schön, häufig ist das Verhältnis zu den Kollegen/innen freundlicher und herzlicher, aber dadurch fällt es einem noch schwieriger, konstruktive Kritik zu äußern, man könnte den anderen ja verletzten.
In Deutschland wird dieses „Distanz und Autorität wahren“ bis zum Gipfel getrieben. Bis zur 10. Klasse des Gymnasiums war es du, Laura. Danach abrupt „Sie, Frau Fischer“. Weil ich in die 11. Klasse gekommen bin, ob ich volljährig war oder nicht. Meine Lieblingslehrer konnten mir auf einmal nicht mehr sagen „du spinnst doch Laura. Halt mal deine Klappe.“ Sondern „Das fand´ ich jetzt nicht angebracht von Ihnen“. Das ist doch grauenhaft.
Einige Lehrer kamen sich selbst blöd dabei vor und haben dann wieder zu Laura gewechselt, andere haben es strikt durchgehalten. Und dann?
Abiturzeugnis frisch in der Hand: „Du kannst auch Bernd zu mir sagen, Laura.“


In Deutschland wird die Arbeitswelt immer egalitärer, Kritik ist gut, der Chef setzt auf Zusammenarbeit und gegenseitige Hilfe, nicht auf Befehle. Es geht um die Kompetenz und Erfahrung des Chefs und nicht um das Alter und die soziale Stellung. Der Chef möchte als Teammitglied angesehen werden und hebt sich nicht ständig hervor, um seine Machtposition zu beweisen. Das ist zumindest das Ideal. Hierarchie vs. Egalität. Das ist auch hier so. Zumindest in den NGO´s wird auf Gleichheit gesetzt.


Was habe ich also gelernt?
Wir sind verschieden. Ich bin nicht typisch deutsch, aber auch nicht 100% Nicaraguanerin.
Ich bin ein Misch- Masch, individuell.
Ich muss diese der verschiedenen Systeme, diese Besonderheiten kennen, um mich in dem Umfeld gut bewegen und eingliedern zu können. Das habe ich in vielen Fällen automatisch getan, emotional intelligent gehandelt. Aber um den anderen zu verstehen, bedarf es manchmal mehr, als nur Offenheit und Freundlichkeit.
Zwischen den Zeilen leben ist eine Kunst, hilft aber, den anderen zu verstehen.
Manchmal muss ich von meinen negativen Begrifflichkeiten weg, wir müssen unsere Vorurteile ablegen, wenn wir in einen Dialog treten wollen.
Liberal ist nicht gleichzusetzen mit zügellos, was einige Nicaraguaner von mir als Frau denken. Ich liebe meine Freiheit, aber ich bin deswegen nicht gegen jegliche Wertvorstellungen.
Im Vergleich zu Nicaragua, sind wir Deutschen kalt, die Nicaraguaner herzlich. Nein. Wir sind vielleicht zurückhaltender, aber genauso herzlich und freundlich, wenn wir die erste Distanz überwunden haben. Der Gemeinschaftssinn ist etwas schönes. Mehr „wir“ als „ich“, mehr Beisammensein, um beisammen zu sein, auch wenn wir nicht mehr machen als beisammen zu sein, als alleine zu sein, weil ich meine Ruhe haben will.

Dienstag, 20. April 2010

Willkommen Wolkenbrüche und Wasseransammlungen in meinem Zimmer

Wir haben April. Es regnet.
In Nicaragua beginnt die Regenzeit eigentlich in den letzten Maiwochen.
Allerdings regnet es seit Donnerstag, jeden Tag zum Abend hin und heute Morgen.
Wolkenbrüche. Blitze und Donner. Kälte.
Und mit Wolkenbrüche meine ich nicht die Regengüsse aus Deutschland. Regnete es so wie hier, würden die Meteologen eine Sturmwarnung herausgeben.
Und schon wieder Regen....

Es regnet übrigens auch in mein Zimmer, bzw. es tropft von der Decke.
Jetzt wache ich jeden Morgen neben einer Pfütze auf.

Und unsere Straße, die nicht asphaltiert ist, wird jedes Mal zu einem reißenden Fluss, der unüberquerbar ist. Und auch so fließen Sturzbäche die Straßen hinunter, in ganz Estelí.

Letzte Woche Donnerstag gab es den ersten Wolkenbruch. Allerdings zu einem sehr ungünstigen Zeitpunkt, als ich hinten auf der Ladefläche eines Pick Ups saß, mit zwei Arbeitskolleginnen.

Herzlichen Glückwunsch.

Durchgeweicht bis auf die Knochen. Alle unsere Arbeitsmaterialien durchgeweicht. Eine Kälte. Dunkelheit. Blitze. Aber anstatt zu verweifeln und zu fluchen, wie ich es in Deutschland gemacht hätte, haben wir gelacht und ins in den Arm genommen und Witze gemacht, über die vorbeifahrenden Autos und die Menschen, die im Trockenen saßen.

Was ist los? Klimawandel?
Und voraussehbar ist hier, dass der vorgezogene Regen zu dieser Zeit eine erneute Dürre ankündigt, denn in den Monaten September, Oktober und November wird es also an Regen und Feuchtigkeit fehlen, so dass die Ernte auch dies Jahr schlecht ausfällt.
Das wiederum führt zu noch höheren Lebensmittelpreisen und das in einem Entwicklungsland.
Auf der anderen Seite schafft es ja auch die Tabakindustrie immer mehr Anbauflächen aufzukaufen, so dass statt Grundnahrungsmitteln wie Mais und Bohnen, nun die sehr nahrhafte Tabakpflanze angebaut wird.
Chemikalien werden ohne Schutz gesprüht. Die Männer arbeiten von früh morgens bis spät abends und verdienen 4 US$, wenn sie Glück haben.
Anstatt zum Eigenkonsum anzubauen.

So viel zu den Wetterphänomenen.
Jetzt hat es wieder aufgehört und wird schlagartig heiß. Klasse.
Und dann fällt bestimmt auch wieder der Strom aus.

Leider hat man mir bereits letztes Jahr meinen Regenschirm geklaut.
Und ich habe auch keine Gummistiefel, aber das braucht man hier auch nicht, die Frauen laufen weiterhin in ihren hochhackigen, offenen Schuhen rum.
Das Leben nimmt weiterhin seinen gewohnten Lauf, wenn mein Hund nun auch etwas mehr stinkt, nach nassem Hund eben.

Laura wird selbstständig.


Als ich die Entscheidung getroffen habe, den Arbeitsplatz und die Organisation zu wechseln, habe ich mich ebenfalls dazu entschieden, die Langeweile gegen Ungewissheit zu tauschen.
Was kommt auf mich zu? Eins war fast gewiss, dass ich mehr Arbeit haben würde, mehr Verantwortung. Logisch.

Gut, ganz so genau konnte ich das vorher ja nicht wissen. Ich kann ja nicht voraussehen, wie die neue Organisation arbeitet. Allerdings, schlimmer hätte es eigentlich nicht werden können, noch weniger eigenverantwortliche Arbeit gibt es nicht und noch häufiger im Büro sitzen, als 5 Tage, 7 ½ Stunden geht auch nicht.

Und so sitze ich jetzt hier, in meinem neuen Büro, mit meinen Frauen der FEM, eine Woche intensivster Arbeit liegt hinter mir.
Ich habe euch ja bereits im letzten Blog- Eintrag berichtet, wie meine Arbeit aussieht.
Doch nun haben die Seminare des Projekts sexuelle Gesundheit & sexuelle und reproduktive Rechte begonnen, endlich beginnt die Arbeit mit den Frauen in den Dörfern.
Und es ist unglaublich...... anstrengend...... und schön....

Ich wurde so ziemlich ins Wasser, ins eis- eis- eis- kalte Wasser, gestoßen.
An dem Tag, an dem meine Chefin und ich uns eigentlich um das Konzept des Seminars für den nächsten Tag kümmern sollten, war sie plötzlich in einer scheinbar unendlichen Besprechung.
Fleißig habe ich weiter an sexuell übertragbaren Krankheiten gearbeitet, Informationen gesucht und zusammengestellt.
Dellwarzen. Sifilis. Krätze. Chlamydien. Vaginal- Herpes. Und all die anderen schönen Krankheiten mit ihren klingenden Namen. Plötzlich juckt es einen am Körper, als hätte man selbst Filzläuse.
Und hier ein wenig über sexuelle und reproduktive Rechte und dort über die Selbstuntersuchung der Brüste, um Veränderungen, die auf Brustkrebs hinweisen könnten, festzustellen.
Währenddessen sich meine andere Arbeitskollegin eher um das Logistische, als um die Thematik des Workshops kümmerte.

Um 16 Uhr nachmittags sind meine Compañera Alma und ich dann langsam in Panik ausgebrochen, noch so viel zu tun und vorzubereiten und unsere Chefin kommt nicht wieder. Nicht, dass wir von ihr abhängig sind, aber sie hatte die Informationen und sie ist nun einmal die Koordinatorin.

Und dann irgendwann gegen 17 Uhr die Hiobsbotschaft: „Alma, Laura, ich komme nicht mit!“
Innerhalb dieses Satzes ging somit die gesamte Verantwortung des inhaltlichen Teils und die Durchführung des Seminars auf mich über.

Das hätte ich mir früher nicht träumen lassen, geschweige denn gewollt.
In meiner alten Organisation kam es einmal zu einer unschönen Situation, normalerweise habe ich die anderen während der Seminare immer nur unterstützt, das passte auch zu meinem eigenen Selbstverständnis. Bis ich dann einfach alleingelassen wurde, ohne dass man mir die Methodik und Thematik gegeben hätte. Alleine vor 15 nicaraguanischen Männern, Dorfältesten. Es hat geklappt, ich bin ja nicht auf den Mund gefallen. Aber ich bin bei solchen Dingen gerne Perfektionistin. In meinen Augen war es ein Desaster.
Und nun: noch einmal so etwas, die Verantwortung her zu mir bitte.
Aber ich bin doch nur die kleine, unausgebildete Freiwillige.Ich bin doch noch so jung.
„Mach dir keine Sorgen Laura, das kriegst du hin.“
Na gut, die beiden wissen nicht, dass mein Selbstbewusstsein und mein Selbstvertrauen bei solchen Aufgaben und Herausforderungen gerne hinter mir herkriecht und sich versteckt. Ich stapel gerne tief. Generell kann ich gar nichts. Und keine Mama zum sich Ausheulen über seine eigene Nichtigkeit um sich noch kleiner zu machen, als ich bin.
Wie war das? Du wolltest Arbeit und Verantwortung? Da hast du sie.
Aber doch nicht so viel bitte.

Innerlich habe ich ein wenig geweint. Aber Alma erklärte mir, dass die Frauen uns nicht prüfen, sondern von uns lernen wollen, außerdem hätten sie selbst so geringe Kenntnisse, dass all unser Wissen ihnen behilflich sein werde.

Perfekt. So saß ich dann noch bis 19.20 Uhr im Büro.
Schnell die wichtigsten Informationen präsentierfertig auf DIN-3 Pappe niedergeschrieben, mit meinen schönsten Grundschul- Blockbuchstaben (in meinen Ohren hörte ich einen meiner alten Lieblingslehrer sagen „und die i- Punkte nun mit Herzchen verzieren“ - das tat ich nicht).
Meinen Tanzkurs konnte ich mir dann abschminken, wie auch den Schweiß, ob der neuen Herausforderung.

Kleine organisatorische Probleme führten dann dazu, dass wir am nächsten Morgen viel zu spät kamen.
Erst hieß es: um 6.30 an der FEM, dann hieß es „um 7 Uhr holen wir dich zu Hause ab“. Um 7.30 war ich immer noch in meinem Haus, bis dann der Anruf kam „Laura, fahr bitte mit dem Taxi zur FEM“.
Na gut, ich bin ja flexibel, nech? Ich bin ja auch nicht viel zu früh aufgestanden. Habe nicht hastig gefrühstückt und bin nicht nervös.

Meine Gastmutter war sehr sauer: „Diese Unpünktlichkeit und Desorganisation regt mich auf. Ich kann es nicht leiden, wenn sie mich warten lassen, haben wir doch eigentlich einen genauen Termin festgelegt. Laura, sei mal ein bisschen ungehalten, sag ihnen doch mal was. Das können die doch nicht machen.“
Ich war natürlich bereits um 6.50 Uhr bereit zum Aufbruch. Deutsche Pünktlichkeit und Korrektheit. Zumindest, was die Arbeit betrifft.
Das zaubert immer ein Lächeln auf die Lippen meiner Gastmutter und Gastschwester.
Gut, um 9 Uhr sollten wir beginnen. Um 9 Uhr verließen wir gerade Estelí, 1 ½ Stunden Reise vor uns.

Schließlich war ich dann auch für die technische Seite verantwortlich. Mein schon sehr arg gefordertes Netbook, meine Kamera, ein Beamer, Musik.... Nichts vergessen.
Bloß nicht verrückt werden und wegrennen.

Angekommen, alles aufbauen, vorbereiten.
Wie zu erwarten war, sprach ich in den ersten Minuten chinesisches Spanisch, ergo unverständlich, fehlerhaft und einfach komisch.

Aber dann, es löste sich die Anspannung, die Frauen waren sehr freundlich und interessiert, sie hielten mit mir Augenkontakt. Die meisten kannten mich noch nicht, so dass es noch eine anfängliche Scheu gab, laut über Sexualität und Krankheiten zu sprechen und das auch noch mit einer Ausländerin. Doch, poco a poco, also langsam, wurde es lockerer, die Frauen offener, ich offener. Laura in ihrem Element, reden.

Zuerst drehte sich die Arbeit, um unsere Rechte. Und für mich ist es ja schon schwer, sexuelle und reproduktive Rechte zu benennen.
Für mich ist es allerdings schwierig, weil ich diese Rechte für vollkommen selbstverständlich halte.
Das Recht auf sexuelle Bildung.
Das Recht auf sexuelle Gesundheit.
Das Recht, zu entscheiden, wie viele Kinder ich will und ob ich überhaupt Kinder will.
Das Recht auf eine freie Sexualität.
Das Recht auf Privatsphäre.
Das Recht auf freie Partnerwahl und ob ich heiraten möchte oder nicht.
Das Recht, genussvollen Sex zu haben.
Das Recht auf freie Wahl der Verhütungsmittel.
Das Recht, zu entscheiden, wann und ob ich sexuelle Beziehungen haben möchte.
Das Recht auf sexuelle Gleichheit und freie Entfaltung.

In unseren Ohren klingt das so logisch und ist so tief verwurzelt in meinen Vorstellungen.
Meine offene Erziehung ist, meines Erachtens auch für Deutschland eine Besonderheit, mit 12 wurde ich aufgeklärt. Meine Mutter hat mich aufgeklärt und mit dem Märchen von Bienchen und Blümchen Schluss gemacht, wenn ich das auch schon vorher wusste, durch die Schule.
In der Schule lernen wir all das, was die Eltern uns nicht erzählen wollen. Sexuell übertragbare Krankheiten. Die sexuellen Organe. Rechte. Schwangerschaft. Verhütungsmethoden und wie man ein Kondom benutzt. In unserem Alter haben wir vielleicht noch darüber gelacht und kindische Witze gemacht. Sexualität war ieeeh baah.

Aber hier? Eltern fühlen sich meist peinlich berührt, erst recht den Mädchen wird doch nicht auch noch beigebracht, wie sie Sex haben können, dass kommt ja schon früh genug, wenn die älteren Männer sie verführen. Auch wenn die Frau ja eigentlich jungfräulich in die Ehe gehen sollte.
Und die Frauen bilden sich dann hier eben selbst ein Urteil über das plötzliche Blut in der Unterhose, wie es meine Arbeitskollegin ausdrückt, sie wusste nicht, was das war und warum.

Natürlich, die Zeiten ändern sich. Heute übernehmen zumeist ältere Geschwister die Aufklärung.
Allerdings mit dem, was sie wissen. Das heißt der große Bruder erklärt dem kleinen Bruder die Sache mit dem Sex und warum das Kondom echt uncool ist, das ist ja nicht männlich und fühlt sich nicht so gut an. Der Machismus wird von Generation zu Generation weitergegeben. Von den Müttern an die männlichen Kinder, für sie wird gekocht, ihnen wird serviert, alles erlaubt, während das Mädchen ebenfalls im Haus bleibt und kocht und putzt und wäscht und nicht feiern gehen darf.

Da sind wir dann beim nächsten Problem angelangt. Frauen, die Verhütungsmethoden anwenden wollen, gelten recht schnell als Schlampen. Warum sonst wollen sie ein Kondom benutzen oder die Pille nehmen? Das steht schließlich auch nicht in der Bibel, das mit der Verhütung. Und wenn, dann weiß es das ganze Dorf. „Und hast du schon gehört? Die Maria kauft sich Kondome. Na wenn das Juan wüsste.“
Und warum sollte eine 40-jährige Witwe noch einmal eine sexuelle Beziehung haben oder sich neu verlieben? Das würde das Dorf auch nicht gut finden. Sie wäre ja verrückt, hat doch ihre Kinder.

Das waren einige Aussagen der anwesenden Frauen von 20 bis 77 Jahren. Das ist Nicaragua.

Mildred, 20 Jahre, lächelt mich schüchtern an, sie scheint das Thema Sexualität und sexuelle Rechte und sexuell übertragbare Krankheiten nicht so ganz zu interessieren, das ist ihr eher peinlich. Als hätte sie noch nie Sex gehabt oder einen nackten Penis gesehen, geschweige denn ihre Geschlechtsorgane.
Wir haben große Zeichnungen der weiblichen und männlichen Geschlechtsorgane an die Wand gehängt, um daran einige Krankheiten zu erklären etc.
Mildred ist deutlich sichtbar schwanger, weiß aber nicht in welchem Monat sie ist, 5. oder 7. vielleicht, sagt sie mit einem leicht genervten und abweisenden Ton – das ist auch Nicaragua.
Und Mildred ist ja schon überdurchschnittlich alt, um ihr erstes Kind zu bekommen.
Verheiratet ist sie nicht. Später sitzt sie im Auto neben mir, auf dem Schoß ihrer Mutter. Sinnbildlich. Gerade dem Schoß ihrer Mutter entflohen und nun ist sie verantwortlich für ein kleines Lebewesen in ihrem Bauch, dass sie offensichtlich nicht will, für das sie offensichtlich noch nicht bereit ist, sie ist selbst noch Kind.
(Wie ich mich erst jedes Mal fühle, wenn ich einer 15-jährigen werdenden Mutter gegenüberstehe)

Ich würde zwischendurch gerne laut schreien, all diese Erfahrungen, all diese schlimmen Geschichten der Frauen, diese Ungerechtigkeit und die Unmündigkeit der Frauen, bedingt durch dieses patriarchalische System. Und ich, aus einer anderen, fremden und weit weit entfernten Welt.
Was würde ich dafür geben, diesen Frauen ein Stück Hoffnung geben zu können: kämpft für eure Freiheit, lasst euch nicht weiter gefallen, dass sie eure Rechte mit den Füßen treten, denn es lohnt sich.
Ich stelle mir vor, dass es so in der Steinzeit gewesen sein könnte. Die Frau hat zwischen 5 und 7 Kindern. Die Frau steht bereit, wenn der Mann seinen Bedürfnissen nachgehen möchte.

Einige Frauen sind dabei, die nicht lesen und schreiben können, für sie ist das ganze Thema und die Mitarbeit noch einmal schwieriger.
Und womit rühmt sich Nicaragua? Die Analphabeten- Quote ist sehr niedrig. Bei unter 4 %. Wurden etwa nur die Bürgerinnen und Bürger gezählt, die in den Städten wohnen?
Wie ist es aber in Loma Fría, nahe der honduranischen Grenze in den hohen Bergen, wo eine Piste ins Dörfchen führt, eine halbe Stunde von der Panamericana entfernt. Einmal am Tag kommt ein Bus vorbei. Kein Strom, kein Wasser.

Was mir immens hilft, um die Distanz zwischen Deutschland und Nicaragua zu überbrücken, sind Vergleiche.
Hey, ich bin eine Frau, wie ihr.
Ich kämpfe mit euch gegen die gleichen Probleme.
Die Männer in Deutschland sind anders, eindeutig, aber ich lebe mit euch in Nicaragua, seit 8 Monaten, und ich kenne die nicaraguanischen Männer nun zur Genüge.

Und ist das nicht schlimm?
Ist das nicht schlimm, dass ich nun genauso desillusioniert bin, wie sie?
Dass ich ohne mit der Wimper zu zucken, ebenfalls glaube oder weiß, dass 99 % der Männer Machos sind, ihre Frauen schlecht behandeln, schlagen, ausnutzen, untreu sind, sie verlassen für eine andere, sie als ein Sexobjekt betrachten?!? Dass für sie die Worte Liebe, Verantwortung, Vertrauen und Ehrlichkeit nicht existieren.
Liebe machen ist nicht Liebe empfinden. Auch wenn die nicaraguanischen Wörter das implizieren: Amor y hacer el amor.
Mit den Männern muss verhandelt werden, dass sie doch bitte ein Kondom benutzen.
Die Frauen sind sich bewusst, dass die meisten ihrer Ehemänner noch mehrere andere Geliebte haben. Herzlich willkommen sexuell übertragbare Krankheiten und herzlich willkommen, Werteverfall der Wörter Liebe, Treue, Vertrauen.

In was für einer Welt leben die Frauen hier?
In einer traurigen, hoffnungslosen.
Der Weg zur Emanzipation, zur Unabhängigkeit und Freiheit

Immerhin, in der Schule ist die sexuelle Aufklärung derweil Pflicht.
Andererseits, gibt es da die Kirche, die strikt gegen die therapeutische Abtreibung ist und internationale Institutionen, die predigen: „Kampf gehen HIV/ AIDS mit Abstinenz und Treue.“
Anstatt: „Benutzt ein Kondom, um euch vor AIDS zu schützen.“

Hallo, Realität, wo bist du?

Die Ehefrauen sind zumeist treu, aus Angst vor der Eifersucht des Mannes, aus Angst vor häuslicher Gewalt. Außerdem wäre sie schon bei jeder kleinsten Kleinigkeit im Dorf verschrien, als untreue Frau, als Schlampe.
Der Mann allerdings, der mehrere andere Geliebte hat - das ist normal. Das wird von allen akzeptiert. Er könnte somit seine Frau leicht mit dem HI- Virus infizieren.
Und das ist die Basisarbeit. „Frauen, ihr habt das Recht, euch von eurem Ehemann zu scheiden, wenn er untreu ist oder wenn ihr ihn nicht mehr liebt. Und ihr habt ein Recht, zu verhüten. Und wenn ihr keine sexuellen Beziehungen haben wollt, dann müsst ihr auch das nicht, es ist nicht eure Pflicht, dem Ehemann bereit zu stehen wenn ihr wollt. Er hat euch als Frau, so wie ihr seid, zu respektieren“ Und vieles, vieles mehr.

Was ich an den nicaraguanische Frauen aus den Dörfern so schätze, ist, dass sie unheimlich großherzig und herzlich sind und dass sie dankbar für das neue Wissen sind. Dass sie sich mir gegenüber öffnen und mich aufnehmen in ihren Kreis, wie eine Freundin.

So haben wir während des Seminars mit 22 Frauen die Selbstuntersuchung der Brust zur Krebsvorsorge geübt.
Würde ich ein solches Seminar in Deutschland geben, wäre ich erstmal die 20-jährige unqualifizierte Abiturientin und dann wäre ich auch noch bescheuert, würde ich eine 30-jährige Frau bitten, sich vor mir bitte einmal die Brust zu untersuchen (natürlich angezogen).

Und hier? Erst etwas peinlich berührt und dann haben es alle gemacht. Wir haben gelacht und die Selbstuntersuchung durchgeführt. Und ausnahmslos alle Frauen haben mitgearbeitet, es war für sie selbstverständlich und vor allem wertvoll.

In der abschließenden Evaluation ging es darum, was den Frauen am Seminar am meisten gefallen habe.
Es habe ihnen eigentlich alles sehr gut gefallen, aber die Selbstuntersuchung wäre das Wichtigste dieses Tages gewesen. So würden sie sich selbst besser kennen lernen, hätten ein Instrument kennengelernt, mit dem sie sich selbst schützen können, etwas Praktisches, dass ihnen hilft.

Hier in Nicaragua kostet eine Mamografie 100 $, das kann eine Frau aus einem Dorf, die von ihrem selbst angebauten Obst und Gemüse und ihrem eigenen Vieh lebt und mit viel Glück 50 $ verdient, nicht bezahlen. Durch unser Projekt können wir in Einzelfällen helfen.
Denn nebenbei nehmen wir Abstriche für Humane Papilomviren und andere Geschlechtskrankheiten und in Fällen, in denen eine Krankheit festgestellt wird, können wir den Frauen die Unterstützung gewährleisten, in die Hauptstadt zu fahren, um eine Untersuchung bei einem Fachmann durchführen zu lassen.

Meine Arbeit macht mich glücklich und zeigt mir, wie wichtig die Nichtregierungsorganisationen hier in Nicaragua sind.
Sie verhilft mir dazu, über meinen materiellen Reichtum und über das deutsche System reflektierter nachzudenken. Ich kann wirklich froh sein, dass ich all das habe und dass ich zum Arzt gehe, wenn mich hier der große Zeh zwickt oder da der Husten quält, aber hier?

Doch was hier zählt, dass ist die Solidarität unter den Frauen.
Wir kämpfen gemeinsam für eine bessere Zukunft. Wir helfen uns, dort wo wir können. Wir sind füreinander da, wir sind eine Gemeinschaft, wir hören zu.

Gerade eben war wieder so ein Moment.
Doña Inés kommt aus Managua wieder und stattet uns hier in der FEM einen Besuch ab, sie war bei einem Spezialisten und hat sich eine Mamografie machen lassen, dank meines Projekts.
Wir kennen uns seit ein paar Wochen, letzte Woche war ich in ihrer Gemeinde und habe das Seminar gehalten. Davor war sie mehrmals zu Besprechungen hier in der FEM.

Sie schenkt mir ein Lächeln, kommt ins Büro und gibt mir ein Begrüßungsküsschen auf die Wange. Und dann umarmt sie mich, fester und länger als sonst, glücklich, dass sie gesund ist. Und aus Freundschaft.

Wie schön ist dieses Gefühl. Ich, die 20-jährige deutsche Abiturientin, die ab und zu an Heimweh leidet und sich manchmal fremd in diesem Land führt, mit ihren Ansichten und Vorstellungen vom Leben, die hier so fernab der Realität sind. Aber ihre Aufgabe gefunden hat.
Und in diesem Fall Doña Inés, eine 45- jährige Frau, Mutter von Mildred aus Loma Fría, in der Führungsdirektive der FEM, organisierte Frau und Kaffee- Anbauerin aus Nicaragua, die mich diese Solidarität der Frauen der Fundacion entre Mujeres spüren lässt.

Und das macht Stress und viel Arbeit ganz schnell wett.
Wir wachsen durch die an uns gestellten Herausforderungen.
Ich wachse über mich hinaus, gewinne an Selbstvertrauen und an Stärke.
Laura wird selbstständig.